Im (Ent-) Spannungsfeld zwischen Aare und Gantrisch

Im (Ent-) Spannungsfeld zwischen Aare und Gantrisch

Zur Region Gantrisch gehören auch die Seegemeinden Kirchdorf und Gerzensee. Früher als «Riviera von Bern» bekannt, leben sie heute vor, dass Zusammenarbeit auf vielen Ebenen möglich ist.

Spricht man vom Naturpark Gantrisch, denken die meisten wohl an das «Gantrisch-Dreigestirn», ans Schwarzenburgerland oder den Gürbetaler Höhenweg. Doch an den südlichen Ausläufer des Belpbergs schmiegen sich zwei Gemeinden, die den Naturpark im Osten abschliessen bzw. eröffnen: Kirchdorf und Gerzensee. «Egal, in welche Richtung wir gehen, wir finden überall Entspannung in intakter Natur, sei es an der Aare, am Gerzensee, an der Gürbe oder Müsche entlang oder auf dem Belpberg», schwärmt Franziska Stucki-Oswald. 

Weltoffen und bodenständig

Die Lehrerin und langjährige Gemeinderätin von Gerzensee ist seit rund einem Jahr Präsidentin des Naturpark Gantrisch. Auf einer Anhöhe beim See zeigt sie nach Süden, wo man in der Ferne einen Blick auf das Schloss Thun und sogar auf den Thunersee erhascht. Dahinter erhebt sich majestätisch die Jungfrauregion. Im Westen, übers Gürbetal hinweg, sehen die Betrachtenden die Stockhorn- und Gantrischkette und gegen Norden erhebt sich der Belpberg mit seiner sonnenverwöhnten Südseite. «Und hier hinunter geht es ins Thalgut an die Aare», erklärt sie. «Eiger, Mönch und Jungfrau stehen für mich für das Weltoffene. Dorthin reist man von überall her. Die Region Gantrisch im Gegenzug verkörpert meiner Meinung nach das Echte, das Bodenständige. Produkte wie etwa die Hasenhaferflocken bringen eine gewisse Tiefe in den Haushalt», erläutert sie weiter. 

Neue Perspektiven

Gerzensee und Kirchdorf sind per Bus via Wichtrach an die Aaretallinie sowie via Kaufdorf an die S-Bahn im Gürbetal angeschlossen. Die beiden Seegemeinden sind eng miteinander verbunden und von grenzüberschreitender Zusammenarbeit geprägt. «Der See hat eine verbindende Funktion», sagt Stucki. Er ist im Besitz der Stiftung der Schweizerischen Nationalbank und nicht öffentlich zugänglich, jedoch gibt es zwei Badestellen für die Anwohnenden der beiden Gemeinden. Einen schönen Blick auf ihn hat man von mehreren Punkten aus, etwa von der Linde oberhalb der Seegasse oder natürlich vom Belpberg-Südhang. Dieser galt lange Zeit als «Riviera von Bern», des milden Klimas und der Aussicht wegen. Zwischen Aare und Gürbe, Emmental und Gantrisch, Thun und Bern: Kirchdorf und Gerzensee eröffnen verschiedene Perspektiven. Gerade vom Belpberg aus biete sich ein eindrücklicher Blick auf das «Chabisland» zur Rechten und auf die «Perlenkettendörfer» im Aaretal. Die Präsidentin fasst zusammen: «Hier erlebt man den Naturpark mal von einer ganz anderen Seite her.» 

Vereinsleben ohne Gemeindegrenze

Die Seenplatte wird belebt von einem aktiven Vereinsleben. Die Einwohnerinnen der fusionierten Dörfer Noflen, Gelterfingen, Mühledorf und Kirchdorf sind aktiv in Clubs und Vereinen in Gerzensee – und umgekehrt. «Gemeinsam können die Mitglieder so viel auf die Beine stellen und erleben», weiss Stucki auch von ihrer Zeit in der Gerzenseer Exekutive. 14 Jahre lang und bis Ende des vergangenen Jahres hatte sie als Gemeinderätin gewirkt. Sie erwähnt etwa den Musik- und den Turnverein, die Chutzenjodler, die Samariter Kirchdorf und Umgebung sowie den Fussballclub Gerzensee – «es gibt noch so viele mehr.» Manche sind auf der einen Seite des Sees ansässig, andere am gegenüberliegenden Ufer und mehrere tragen beide Gemeinden im Namen. Jüngere Vereine sind etwa der «Chürbismärit», «Mitenang-Fürenang» oder die «Chiubi Giglä». 

Kleine Uni in Gerzensee

Ernst Hossmann hebt ebenfalls die Vereinsaktivitäten hervor, als er die Vorzüge seines Dorfes anpreist. Der Gerzenseer Gemeindepräsident erwähnt zudem die Schönheit des alten und neuen Schlosses, des Rosengartens und der alten Patrizierhäuser. Das Studienzentrum sei eine «kleine Uni» in der Welt der Notenbanker: «Es verschafft uns so sogar auf einer internationalen Bühne ein Renommee.» Aber, betont er, man kenne sich noch im Dorf, und in der Nachbarschaft mit Kirchdorf sei vieles von einer wohlwollenden Zusammenarbeit geprägt.

Fitteste Gemeinden im Kanton

Die fusionierte Schule Region Gerzensee mit rund 300 Kindern und 40 Lehrkräften verteilt auf zwei Standorte in den beiden Gemeinden ist ein gutes Beispiel dafür. «Beide Gemeinden investieren in ihre Schulanlagen und gleichzeitig in eine attraktive Umgebung für Vereine», sagt Marco Lehmann mit Überzeugung. Der Kirchdorfer Gemeinderat erwähnt aber auch ein anderes Projekt, das die Seegemeinden wortwörtlich mit Schwung realisiert haben: Gemeinsam meldeten sie sich beim Coop-Gemeindeduell «Schweiz bewegt» an. Dort geht es darum, die Bevölkerung mit Bewegungsangeboten zu mehr Aktivität zu motivieren. Das Mitmachen als Duo zahlte sich aus: Kirchdorf-Gerzensee wurde in der Kategorie 2000 bis 5000 Einwohner zur mit Abstand «bewegtesten» Gemeinde im Kanton Bern, schweizweit reichte es zum beeindruckenden 5. Rang.

Teil des Naturparks

Sowohl Franziska Stucki wie Marco Lehmann, der in seiner Funktion «den Osten» im Vorstand des Fördervereins Naturpark Gantrisch vertritt, können sich neue Naturpark-Projekte in ihrer Gegend vorstellen. Ideen sind viele vorhanden, merkt man im Gespräch mit ihnen. Vielleicht eine E-Bike-Route oder ein Themenweg, zum Beispiel im Bio- und Gemüseeldorado Limpachtal?

Klar ist: Obwohl – oder gerade weil – Kirchdorf und Gerzensee nicht entlang einer Hauptverkehrsachse liegen, gehören sie genauso zum Naturpark dazu wie Guggisberg oder Riggisberg, wie Niedermuhlern oder Schwarzenburg. Im Spannungsfeld zwischen Aare und Gantrisch, zwischen Thun und Bern waren früher viele Handelsreisende unterwegs, suchten die «mehrbesseren» Stadtberner gutes Klima für ihre Gärten und schöne Aussicht fürs Gemüt. Wer an einem freundlichen Tag in der Gegend unterwegs ist, merkt schnell, dass sie dies und viel mehr bietet: Statt Randgebiet zu sein, schlägt sie Brücken und ist noch heute für viele eine Art Oase.

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Im (Ent-) Spannungsfeld zwischen Aare und Gantrisch

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