Der Heimatort: für manche ist er nur ein Wort auf der Identitätskarte, für andere eine Ortschaft, zu der man selbst vielleicht eine Beziehung hat, sicher aber die Eltern, Grosseltern oder weiteren Vorfahren – oder zumindest jene des Ehepartners. So jedenfalls war es für Andrea Meister. «Jaberg» ist nur ein Ortsname in ihren Dokumenten, bis 1984, zur Heirat. «Da nahm ich nebst dem Namen auch den Heimatort meines Mannes an», erzählt sie, die ledig Trachsel geheissen hatte. Erst knapp 40 Jahre später, nach ihrer Pension im 2022, befasst sie sich mit Ahnenforschung. Viele Stunden verbringt sie mit den Unterlagen des Staatsarchivs Bern. Der frühere Heimatort Jaberg ist ihr zwar bekannt, «aber ich war noch nie dort gewesen». Denn weder ihr Vater noch ihr Grossvater waren dort aufgewachsen – doch vorher alle Trachsels. Auch dass manche Trachsels im damaligen Zollhaus gelebt hatten und dass eingeheiratete Verwandte Fährleute gewesen waren, hat Andrea Meister aus Unterlagen des Staatsarchivs entnehmen können. Erstmals besucht die im Aargau lebende Meister die Jaberger Website und kontaktiert die Gemeindeschreiberin mit einer Frage. Bald wird sie an Verena und Hans Jörg Hänni verwiesen, die sie nach Jaberg einladen, ihr das Dorf und als Höhepunkt das «Trachselhaus» zeigen, in dem ihre Vorfahren gelebt hatten. Hännis können ihr viel erzählen, Sie wohnen im ehemaligen Schulhaus, in dem Meisters Urgrossvater noch den Unterricht besucht hatte. «Plötzlich wurde meine Beziehung zu Jaberg sehr lebendig», schildert sie. «Ich wollte deshalb nach einer Möglichkeit schauen, um das Bürgerrecht wieder zu erlangen.» Es ist für Schweizer Bürgerinnen und Bürger möglich, ein weiteres Gemeindebürgerrecht, also einen zweiten Heimatort, zu erwerben. Dafür müssen Antragstellende eine enge Verbundenheit mit der Wunschgemeinde vorweisen. Andrea Meister stellt also im Dezember 2024 einen Antrag an die Gemeinde Jaberg. Zwei bis drei Wochen danach erhält sie den Brief mit dem positiven Bescheid.
«Je intensiver man sich mit der Vergangenheit befasst, desto lebendiger werden diese Leute», erläutert Meister, die bis ins Jahr 1700 geforscht hat. Die Zeiten, in denen es noch keinen Strom gab, man enger und in ärmlichen Verhältnissen zusammengelebt hat: «All das wird plötzlich lebendig. Man lernt nicht nur viel über seine Vorfahren, sondern auch über die Zeit damals.» Jaberg war sehr klein, die Familien hatten viele Kinder und lebten oftmals weit voneinander entfernt. Dennoch muss es einen Zusammenhalt gegeben haben, dies habe sie aus den Unterlagen gelernt. Andrea Meister spürt diese Art von Verbundenheit heute nicht nur zu ihren Ahnen. Auch Jaberg ist für sie lebendig geworden, und sie freut sich schon, ihren wiedererlangten Heimatort an einer 1.-August-Feier oder am Dorffest zu besuchen.