Wer kennt sie nicht, diese Situation? Man hält sich eine Weile in der Fremde auf, radebrecht sich durch ferne Länder und macht sich mit ungewohnten Sitten vertraut. Dann läuft einem irgendwo fernab heimischer Gefilde ganz unverhofft ein Landsmann oder eine Landsfrau über den Weg – und überraschend hat man wieder die vertraute Sprache aus der Kindheit im Ohr. Uns geht das Herz auf und ein wohliges Verbundenheitsgefühl erfüllt uns. «Äs heimelet» oder «es hiimelet.» Diese Wortwendung drückt eine feierliche Stimmung inneren Berührtseins aus, welche in einem solchen Moment unwillkürlich «in uns anklingt».
Land der tausend Dialekte
In der deutschsprachigen Schweiz ist die sprachliche Identifizierung mit einer bestimmten Region besonders ausgeprägt. Denn wo die lokalen Mundarten im benachbarten Ausland mit der Gründung der modernen Nationalstaaten fast überall einer einheitlichen Standardsprache zum Opfer fielen, hat sich in der Schweiz auch diesbezüglich der Hang zum Föderalismus und zur Vielfalt durchgesetzt. Jene Zeiten mögen zwar vorbei sein, da jemand allein aufgrund seiner Sprechweise eindeutig einem bestimmten Dorf zugeordnet werden konnte, aber nach wie vor wird uns hierzulande anhand von Betonung und Aussprache meist rasch klar, aus welcher Gegend unser Gegenüber stammt, sobald es den Mund auftut. «Heschu umi iis Schwyn ghääbe, gau» tönt einfach ganz anders als: «Itz bisch däich no iinisch gfelig dervo cho» oder «Hoppla Schorsch, guet gange he». Ganz besonders in ländlichen Regionen, wo die soziale Durchmischung weniger schnell voranschreitet als in den Ballungsgebieten, sind regionaltypische Eigenheiten der Volkssprache auch im 21. Jahrhundert noch deutlich wahrnehmbar. In den Medien, in der Popkultur, in der Politik und im interregionalen Austausch ist die Beliebtheit der Mundart ungebrochen. Nicht nur unsere Jugendlichen schreiben Mitteilungen und E-Mails vorzugsweise so, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist, obwohl es für die Verschriftlichung unserer Mundarten gar keine grammatikalischen Richtlinien gibt. «Die historisch gewachsene Sprachsituation der deutschen Schweiz gehört zum Interessantesten und Anregendsten, was dieser alte Kontinent soziolinguistisch zu bieten hat», findet der Freiburger Professor Walter Haas. «Es wissen es nur noch nicht alle.» Gerade in Zeiten rasanter Globalisierung gewinnt das Lokale, Gewachsene, Bodenständige wieder an Bedeutung, und vielleicht ist es nicht zuletzt der heimische Zungenschlag, welcher uns auf wohltuende Weise «bödelet», indem er uns mit jenem einzigartigen Flecken Erde verbindet, der uns hervorgebracht hat.
Wie tönt Gantrisch?
Gibt es einen typischen Gantrischdialekt? Oder zumindest bestimmte unverwechselbare Wendungen und Begriffe, welche unserer Region eigen sind? Wohl kaum. Denn so vielfältig wie das Einzugsgebiet dieser Zeitung geografisch gegliedert ist, so verhält es sich auch mit den Nuancen der hier verwurzelten Mundarten. Die Einheimischen in Guggisberg klingen anders als diejenigen im benachbarten Plaffeien, und was diese von sich geben, unterscheidet sich in Artikulation und Sprachmelodie noch einmal wesentlich von jener Sprechweise, wie sie südlich von Bern oder im Thuner Westamt gebräuchlich ist. Lautliche Einflüsse aus dem Simmental, dem Berner Mittelland und dem freiburgischen Sensebezirk sind allgegenwärtig. Allein, was den überlieferten Wortschatz betrifft, so verwässern sich die regionalen Eigenheiten immer mehr zugunsten eines Standardrepertoires. Ausdrücke wie «rösch» (resolut), «paaget» (müde), «gwirbig» (umtriebig), «Dünnhilbi» (Schleierwolken) oder «Trütsche» (Haarzopf) werden von älteren Schwarzenburgern wohl noch verstanden, aber kaum mehr im Alltag verwendet. Wo der Guggisberger früher «Chilhe» sagte, tönt es heute an den allermeisten Orten gemeinberndeutsch «Chiuche», aus «wärhe» ist «wärche» geworden. Auch gewisse Merkmale, welche das alte Guggisberger Idiom mit den Oberländer Mundarten gemeinsam hat, wie z. B. die Vokalisierung von «Wald» anstatt «Waud» oder «Wälle» anstatt «Wäue», sind mehrheitlich weggefallen. Typischerweise wird im Gantrischgebiet aber nach wie vor verbreitet monophthongiert, das heisst, «Böim» werden zu «Büüm», «Ouge» zu «Uuge», und wenn jemand unpässlich ist, «de giits ihm liid.» Auch in der Bildung des Plurals gelten oft noch die alten Formen: Tannen sind «Tanni», im Garten setzt man «Bohni». Eigentümlichkeiten wie die Verwandlung des Endlautes «ng» zu «nn» (zum Beispiel in «Hunn» anstatt «Hung», «Chinn» anstatt «Ching») sind in Riffenmatt oder auch im Rüschegg oder in den Fultigenhügeln noch immer herauszuhören. Weiter westlich, im «Seiselann», wird diese alte Sprechweise noch viel konsequenter gepflegt: Hier heisst es zudem «ghääbe» anstatt «gha», «zweimal» ist «zwure» und das Hilfsverb «werden» wird durch «kommen» ersetzt: «Äs isch fiischter cho» oder «sie isch verliebti cho».
Etwas Sprachgeschichte
Das Üechtland – also die ganze von uns abgehandelte Region zwischen Freiburg, Bern und Thun – war seit jeher ein Grenzgebiet, wo deutschsprachige Alemannen und romanische Burgunder aufeinanderprallten. Bis ins hohe Mittelalter gehörte die ganze Gegend zum Königreich Burgund – und hier wurde mehrheitlich Französisch gesprochen, oder vielmehr frankoprovenzalisch, eine ursprünglichere Form davon, die durch keltische Idiome mitgeprägt wurde und sich in den westschweizerischen «Patois»-Formen stellenweise bis heute erhalten hat. Erst als Burgund an das Kaiserreich fiel, setzte sich mit der Herrschaft der alemannischen Zähringer in unseren Breiten die deutsche Sprache endgültig durch. Trotz jahrhundertelanger Germanisierung liegt das Gantrischgebiet aber nach wie vor nahe an der welschen Westschweiz und bildet zusammen mit dem Seeland und dem Sensebezirk so etwas wie die Schwelle zur Frankophonie. In den alten Mundarten des Üechtlandes besitzen französische Lehnwörter einen unverändert hohen Stellenwert: «Pärisou» (von «Parasol», Sonnenschirm), «visidiere» (von «visiter», besichtigen), «Tschäppu» (von «chapeau», Hut), «öppis gänggele» (Kleinkram kaufen, von «quincaillerie», Eisenwarenhandlung) und «kummod» (angenehm, von «commode»), um nur einige Beispiele zu nennen. Aber auch uralte Spuren aus der Zeit unserer helvetischen Vorfahren schwingen in der gegenwärtigen Sprache immer noch mit: «Bänne», «Nidle», «Anke», «Senn» und «Chumme» (für eine Geländemulde, frz. «combe») sind nachweislich Überbleibsel aus dem Keltischen.
Diese Betrachtungen machen deutlich: Unsere Sprache, so eigentümlich und unverwechselbar sie auch klingt, ist keine feste Grösse, sondern ein dynamisches Gefäss fortwährender Wandlung und Anpassung. Welche fantasievollen Kreationen die gegenwärtige Jugendsprache unter dem Einfluss des Englischen und Hochdeutschen entwirft, hat die letzte Ausgabe dieser Zeitung deutlich gemacht. So mag jede Generation den sprachlichen Heimatbegriff immer wieder neu definieren. Unbestritten ist aber, dass die Prägungen aus unseren jungen Jahren dafür eine massgebliche Rolle spielen. Der Berner Mundartautor Emil Balmer schrieb einst: «Det i däm Dryzingge zwüsche der Seise un em Schwarzwasser, det lige no Hiimet, wi die schöne saftige Zwätschge uf em Chuehe, u dr Ruust derzue mache di schöne Vorhuble va’r Egg u va’r Schüpfeflue.» Dies mag für heutige Ohren altmodisch klingen. Aber äs heimelet.