Heimat ist nicht, sie wächst

Heimat ist nicht, sie wächst

Fasst man die Einträge verschiedener Lexika zusammen, könnte man unter Heimat in etwa Folgendes verstehen: Land, Landesteil oder Ort, in dem man (geboren und) aufgewachsen ist oder sich durch ständigen Aufenthalt zu Hause fühlt (oft als gefühlsbetonter Ausdruck enger Verbundenheit gegenüber einer bestimmten Gegend). Ein Versuch, diese neutrale Umschreibung ins Frühlingsgrün des Gantrischgebiets zu tragen.

Zwischen den sanften Hügeln, den dunklen Wäldern und den stolzen Rücken der Voralpen hat dieses Wort eine besondere Tiefe. Hier ist Heimat nicht laut, nicht prunkvoll. Sie ist still gewachsen, über Generationen hinweg: aus harter Arbeit, aus Geduld, aus der stillen Verbundenheit zwischen Mensch und Landschaft. Keiner reinen Liebe, nein, dafür war das Land viel zu lange karg, und den Menschen gelang es nur beschwerlich, einen kleinen Ertrag abzutrotzen. Viele Familien lebten bescheiden, ja oft in bitterer Armut. Beschrieben alter Tage nach sei es sogar vorgekommen, dass die Menschen der «Allmid» mitunter aufs Feld mussten, um sich mit Gras die Bäuche zu verderben. Doch gerade aus dieser Entbehrung erwuchs eine besondere Stärke. Die Menschen lernten, dass diese starke Natur hier nur ein Leben mit ihr und keinesfalls gegen sie zulässt. Sie kannten die Zeichen der Berge, das Flüstern des Waldes, das Anschwellen der Bäche nach einem Gewitter. Ihre Heimat war keine Kulisse – sie war Lebensgrundlage.

In dieses Land eingefurcht bahnen sich Flüsse wie die Gürbe, das Schwarzwasser oder die Sense blutaderngleich ihren Weg. Während die Gürbe gebändigt wurde, um nun umso mehr wieder renaturiert zu werden, zieht die Sense unbeirrt seit jeher wild und anmutig zugleich wie ein silbernes Band durch die Täler und markiert den Lauf der Zeit. Mal ruhig und glitzernd in der Sonne, mal schäumend und ungestüm nach Regen und Schneeschmelze. Wer an ihren Ufern steht, spürt sofort, weshalb sie oft als die Perle der Flüsse bezeichnet wird. Ihr Wasser erzählt von Reinheit und Unversehrtheit und warnt vor der Kraft der Zerstörung. Rund um sie erheben sich die Berge des Gantrisch, still und würdevoll. Sie tragen im Sommer grüne Matten und im Winter das weisse Schweigen des Schnees. Zwischen Alpweiden und Waldlichtungen hat sich eine Landschaft erhalten, die heute weit über die Region hinaus geschätzt wird. Der Naturpark Gantrisch ist zum Symbol geworden für das, was lange selbstverständlich war: eine Natur, die nicht verbraucht, sondern gepflegt wird. Eine Landschaft, die atmen darf. Wohl dem, der sie Heimat nennt. Manch einer gar ach so schnell vielleicht. Deshalb hört, ihr Zugezogenen: Diese Schönheit ist kein Zufall. Sie ist das Werk vieler Hände. Die Landwirtschaft hat das Gesicht dieser Region geprägt. Generationen von Bäuerinnen und Bauern haben die Alpflächen weidbar gemacht, manch steiler Flanke eine Wiese abgetrotzt, Häuser aus Holz errichtet, Landschaften erhalten und trotzdem endlose Wälder bewahrt. Ohne diese bäuerlichen Familien und ihren Schweiss gäbe es diese offene, lebendige Landschaft nicht. Ihre Arbeit ist still, oft unscheinbar – und doch trägt sie den wahren Reichtum des Gantrischgebiets in sich. Mit jeder Scholle sind auch Namen verbunden, die hier seit Jahrhunderten klingen: Beyeler, Aebischer oder Zwahlen, um nur ein paar wenige zu nennen. Namen, die in Kirchenbüchern stehen, auf Hofschildern geschrieben sind, in Geschichten weiterleben. Bei ach so vielen Gleichnamigen wird denn auch heute noch da und dort der Vorname mit dem Hofnamen verbunden statt mit dem Familiennamen. Hostettlers Fredu zum Beispiel. Hof- und Familiennamen sind die Wurzeln der Region. Jeder dieser Namen erzählt von Menschen, die hier geboren wurden, die hier gearbeitet, geliebt und gehofft haben. Sie erzählen von Kindern, die über dieselben Wiesen liefen wie ihre Grosseltern, von Häusern, die dem Wind trotzten, von Familien, die trotz aller Härten geblieben sind. Diese Namen sind Teil der Landschaft geworden, so wie die alten Bauernhäuser, die knorrigen Obstbäume oder die alten Karrwege, die langsam zuwachsen. Sie tragen Erinnerungen in sich. Wer sie hört, spürt etwas von jener unsichtbaren Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Der spürt die Heimat.

Heute ist das Gantrischgebiet kein vergessenes Randland mehr – oder Nuithonia (Niemandsland), wie es vor vielen Jahrhunderten sogar hiess. Aus den Wunden der Zeit sind die Früchte von heute erwachsen. Wandernde, Naturfreundinnen und Spaziergänger entdecken die Schönheit dieser Region, staunen über die Weite der Hügel, über die Kraft der Berge und über das klare Wasser der Sense. Der Naturpark hat dem Land eine neue Aufmerksamkeit geschenkt. Doch die ganz eigene Seele dieser Region ist geblieben. Denn diese liegt nicht nur in der Landschaft, sondern in der Haltung der Menschen, die hier leben. In ihrer Bodenständigkeit, ihren Kühen und Schafen, ihrem «Jutz», gepaart mit andächtigen Versen, dem Schwingsport, der Einstellung, nicht immer gleich alles fallen zu lassen, wenn der Wind dreht – kurz: in ihrer stillen Verbundenheit mit dem Land.

Heimat im Gantrisch bedeutet deshalb mehr als schöne Aussicht. Es bedeutet Erinnerung und Zukunft zugleich. Es bedeutet ein Land, das einst arm war, aber reich an Charakter. Ein Land, das gelernt hat, aus der Nähe zur Natur Kraft zu schöpfen. Vielleicht liegt genau darin das Geheimnis dieser Region: dass ihre Schönheit nicht nur gesehen, sondern auch gelebt wird. Zwischen Sense und Bergen, zwischen Wiesen, Höfen und Namen – dort wächst Heimat. Still, beständig und tief verwurzelt im Herzen und in der urigen Kraft des Gantrisch.

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Heimat ist nicht, sie wächst

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