Waldwein vom Längenberg

Waldwein vom Längenberg

In einer kinderreichen armen Bauernfamilie auf dem Längenberg hatte sich wieder einmal Nachwuchs eingestellt. Nach altem Brauch zog der Vater aus, um der Mutter ein Mass Wein an das Kindbett zu bringen. Da er mausarm war, hatte er mühselig einige Münzen zusammengekratzt, um sich beim Dorfwirt einen Krug mit welschem Rebensaft füllen zu lassen. Ehe er sich wieder heimzu wandte, um seiner Frau den Wein zu kredenzen, blieb er freilich noch eine Weile am Stammtisch der Gaststube sitzen.

Als er endlich aufbrach, begann es bereits, einzudunkeln. Der Weg zu seinem Hofgut führte durch ein ausgedehntes Waldstück. Obwohl er die Strecke auswendig kannte, befiel den Mann plötzlich ein Schauder, als er voraus zwischen Geäst und Laubwerk hindurch den flackernden Schein eines Feuers gewahrte. Deutlich vernahm er lachende Stimmen in der kühlen Nachtluft. Wer mag um diese nachtschlafende Zeit derart unbefangen mitten im Wald lagern?, fragte er sich besorgt und stutzte. Das muss fürwahr lichtscheues Gesindel sein. Oder gar das unselige Nachtvolk. Von beklemmender Furcht ergriffen, schlug er einen weiten Bogen um den unheimlichen Lagerplatz und hoffte, so der Aufmerksamkeit der Unbekannten entgehen zu können.

Aber als er die Fremden umgangen hatte und seinen ursprünglichen Kurs wieder aufnehmen wollte, erscholl hinter seinem Rücken unvermittelt eine durchdringende Stimme. «Gemach, Bäuerchen», tönte es schmeichelnd. «Wohin denn so eilig? Komm doch her zu uns und entbiete uns zumindest einen freundlichen Abendgruss.»

Dem überraschten Wanderer stockte der Atem. Da er nun ertappt war, sah er keinen Sinn mehr darin, sich weiterhin zu verbergen. Er fasste sich ein Herz und trat in den Lichtkreis des Feuers.

Da sass eine heitere Runde bärtiger Wichte scherzend um die Flammen geschart und winkte ihm fröhlich zu. Ihr Wortführer kam dem Mann mit leuchtenden Augen entgegen und hiess ihn willkommen. «Sei unbesorgt», beteuerte er augenzwinkernd, «wir tun dir gewiss nichts zuleide. Wir haben uns lediglich gedacht, vielleicht hättest du uns etwas Tranksame anzubieten, denn wir sitzen hier leider arg auf dem Trockenen.»

Verlegen starrte der Bauer auf den Weinkrug, den er in seinen verkrampften Händen hielt. «Nichts für ungut», stammelte er umständlich, «aber dieser Tropfen ist für meine Frau bestimmt. Sie ist neulich niedergekommen – und unser Brauch will es, dass ich ihr nun einen Schluck Wein zutrage.»

«Ein guter Brauch», johlte einer der Zwerge am Feuer. «Aber du wirst doch nichts dagegen einzuwenden haben, wenn wir diesen Saft hier an Ort und Stelle gleich ein bisschen verkosten? Einen Schluck nur für jeden von uns.»

«Einen Schluck nur!», grölten die kleinen Gesellen allesamt durcheinander.

Der Mann, der mitten im nächtlichen Wald unverschuldet so viel Aufmerksamkeit erregte, blickte betreten vor sich hin. Nun ja, wägte er innerlich ab, mit dem kleinen Volk sollte es sich einer nicht verderben. Immerhin helfen uns die Zwerge immer wieder bei unserem Tagwerk, wenn wir in Not geraten.

Zaghaft streckte er dem vordersten Wicht schliesslich das Mass hin. «Aber einen Schluck nur, ja?»

Mit lautstarkem Hurra und Heissa liessen die kurzbeinigen Zecher den ergatterten Trunk nun durch ihre Runde wandern. Jeder hielt sich an dem Rebensaft schadlos. Bald kehrte der Krug in die Hände des Spenders zurück. Wie nicht anders zu erwarten, war er geleert bis auf den letzten Tropfen.

Verzagt verzog der Höfler vom Längenberg das Gesicht. Er hatte nicht damit gerechnet, dass die Dinge in dieser Nacht so übel für ihn laufen würden.

«Was machst du bloss für eine Trauermiene», rief einer der Zwerge bestürzt. «Du hast ja deinen Humpen wieder.»

«Gewiss», erwiderte der Bauer kleinlaut, «aber leer nützt er mir nichts mehr.»

«Ei der Daus», lachte ein anderer Zwerg. «Er will etwas darin haben! Nun gut, gib mir das Ding, ich will zusehen, dass wir es wieder vollmachen können.»

Der Kleine nahm den leeren Krug aus der Hand des ratlosen Mannes und stapfte damit in den dunklen Wald hinaus.

Nach einer Weile kehrte er zurück und streckte dem verblüfften Menschen den gefüllten Behälter hin. Der Krug war nun zweifellos voller Wasser. Es roch leicht würzig nach Moos und Erde, als sei es aus einer Waldquelle geschöpft worden.

«Stelle die Kanne zuhause unter den Rauchfang», wies ihn das Männchen an und brummelte gutmütig in seinen struppigen Bart. «Lasse sie dort getrost stehen, bis der neue Tag heraufzieht. Aber untersteh dich, heute auch nur den kleinsten Schluck daraus zu schlürfen. Und verrate ja keiner Menschenseele ein Wort davon. Hast du mich wohl verstanden?»

Der Bauer nickte müde und dankte dem Zwerg für seinen guten Willen. Dann hob er die Hand zum Abschiedsgruss und schlurfte mit hängenden Schultern von dannen. Wie würde er das nur vor seiner Frau rechtfertigen können? Sein letztes Geld hatte er an diesen Wein gegeben. Umsonst.

Als er spätnachts endlich über die Schwelle seines Heims trat, stellte er den Krug kopfschüttelnd auf die Herdstatt in der Küche. Er verwünschte sich innerlich dafür, dass er sich so lange im Wirtshaus versäumt hatte und erst nach Einbruch der Nacht losgezogen war. Tagsüber wäre er den durstigen Zwergenzechern im Wald gewiss nicht über den Weg gelaufen.

Nach einer unruhigen Nacht schleppte er sich frühmorgens erschöpft in die Küche, um sich um den Stall zu kümmern. Beiläufig warf er einen Blick in den Krug, der immer noch auf dem Herd stand, und hielt verblüfft inne. Täuschten ihn seine müden Augen oder hatte sich dessen Inhalt über Nacht etwa getrübt? Vorsichtig schnupperte er an dem Gefäss und riss verwundert die Augen auf. Es war unzweifelhaft der belebende Geruch von vergorenem Rebensaft, der seiner Nase schmeichelte. Um sicherzugehen, füllte er sich gleich einen Becher und kostete von dem Trunk.

Genüsslich seufzend blickte er auf den wundersamen Krug. Nie zuvor hatte ein solch vornehmer Tropfen seinen Gaumen gekitzelt.

Kein Wunder, dass die Bäuerin mit dieser erlesenen Stärkung rasch wieder zu Kräften kam. Auch am Tauffest des Kleinen wurde den Gästen reichlich von dem köstlichen Waldwein ausgeschenkt. Die Bauernleute merkten nämlich bald, dass dieser Trunk nicht nur vortrefflich schmeckte, sondern auch unerschöpflich war. So oft man einen Becher aus dem Krug füllte, so blieb dieser doch stets randvoll bis obenhin. Entsprechend mangelte es auf dem Hof der guten Leute fortan nie mehr an wohlwollenden Gästen, denn bald hatte es sich weithin herumgesprochen, welch seltener Tropfen dort ausgeschenkt wurde.

Der auf solch überraschende Weise zu diesem Segen gekommene Bauer und seine Familie rechneten dem Kleinen Volk dessen Hilfsdienst hoch an und blieben ihm stets teure Freunde.

Und was mag aus dem wundersamen Krüglein geworden sein? Bei wem steht es wohl heute im Buffet?

Frei nacherzählt nach Karl Grunder

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Waldwein vom Längenberg

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