«Unsere Dörfer und die Region leben von ihren Vereinen»

«Unsere Dörfer und die Region leben von ihren Vereinen»

Sie sind Treffpunkt, Netzwerk, Ausbildungsstätte und Charakterschmiede: die Vereine in unserer Region. Ihr Dienst für die Gesellschaft ist unbestritten, und ohne die Kultur der Ehrenamtlichkeit und der Mitsprache würde unser Demokratieverständnis leiden. Im Idealfall tragen Vereine auch etwas von Heimat in sich. Andreas Kehrli, Ehrenpräsident des FC Schwarzenburg und ehemaliger Gemeinderat, erzählt.

«I ha gärn Lüt.» Andreas Kehrli sitzt in einem Schwarzenburger Restaurant und schaut zurück auf die vielen Jahre, in denen er sich im FC Schwarzenburg und im Gemeinderat engagiert hat. Nicht Angst vor ihnen zu haben, sondern Leute grundsätzlich zu mögen: Das habe er von seiner Mutter mitbekommen. Kehrli wuchs in Niederscherli auf, spielte viel Fussball und fand deshalb schnell zum örtlichen Fussballclub, als er 1980 mit seiner Frau nach Schwarzenburg zog. Ihre drei Buben fingen bald an, einem Ball hinterherzurennen. Kehrli übernahm auch deshalb ein Traineramt. Und weil der Verein nur über einen kleinen Fussballplatz verfügte, zu klein für die steigende Zahl der Junioren, setzte er sich auch an vorderster Front für die neue Sportanlage Pöschen ein.

Regionale Identitätsbildung

«Mich dünkt es unwahrscheinlich wichtig für die Region, dass man den Jungen wie auch den Erwachsenen etwas bieten kann», sagt er mit Nachdruck. Um die 120 Vereine gibt es allein in Schwarzenburg. Schaut man in die Regionen Gantrisch und Schwarzsee, staunt man: A wie Älpler oder Armbrustschützen, B wie Bienenzüchter oder Bogenschützen, C wie Cat Care oder Cinque-Terre-Chor. Und so vielfältig geht es weiter: Fellnähgruppe, Hornussergesellschaft, Kindertanzgruppe, Motoclub, Pferdezuchtgenossenschaft, Skiclub, Trachtengruppe, Volleyballclub, Webstuben- oder Ziegenzuchtverein. Es gibt viele Studien darüber, wie wichtig Vereine für eine Gesellschaft sind. So kamen etwa Miriam Stalder und Prof. Dr. Hans Lichtsteiner 2016 zum Schluss, dass Sportvereine soziale Netzwerke und Geselligkeit fördern sowie die regionale Identitätsbildung unterstützen. Nicht umsonst gehört das Vereinswesen zu den lebendigen Traditionen der Schweiz. Günstige rechtliche Rahmenbedingungen trügen zur grossen Vielfalt bei, erläutert dort der Begleittext. Die Schweiz kennt die Vereinsautonomie: dass diese eigene Statuten formulieren dürfen, ohne sich die behördliche Zustimmung zu holen. Etwas, das längst nicht überall auf der Welt möglich ist. Bei uns wurde die Vereinigungsfreiheit ab der Gründung des Bundesstaates 1848 offiziell garantiert. Der Text von «Lebendige Traditionen» erwähnt einen grossen Aufschwung des Vereinswesens in dieser Zeit. Insbesondere eidgenössische Verbände zur Durchführung von Festen gehörten zu den Ersten, zudem Frauen-, Arbeiter- und Ausländervereine. Die Wurzeln des Vereinswesens gehen aber bis zu den Sozietäten des 17. und 18. Jahrhunderts zurück. Diese wiederum entstanden im Zug der Aufklärung. Eine lange Erfolgsgeschichte: 2010 gab es gemäss einer Studie von Bernd Helmig und anderen hierzulande 80’000 bis 100’000 Vereine, die Hälfte davon im Sportbereich. Jede zweite in der Schweiz wohnhafte Person über 18 Jahren ist Vereinsmitglied, erfasste das Bundesamt für Statistik.

Verein als Lebensschule

«Leute, die sich in einem Verein engagieren, haben zwar davon keinen Geldverdienst, finden aber innere Genugtuung, eine Bereicherung. Man hat nämlich auch dann Freude, wenn man etwas weitergeben kann.» So beschreibt Andreas Kehrli seine Erfahrung über drei Jahrzehnte Vereinsarbeit im FC, davon 18 Jahre als Präsident. Bis heute ist er zudem im Fussballverband Bern Jura FVBJ tätig. Als Vereinspräsident übt man nicht nur ein Ehrenamt aus, man unterstützt und führt auch andere Ehrenamtliche. «Was mich immer fasziniert hat: Du kannst Leute bewegen und fördern», formuliert er einen der Beweggründe für seine Arbeit. Am wichtigsten sei ihm gewesen, den Trainern und Funktionärinnen Wertschätzung entgegenzubringen. «Ehrenamtlichkeit ist das A und O. Wenn man das nicht mehr hat, kann man aufhören.» Diese Haltung vertrat Kehrli auch in seinen zwölf Jahren im Gemeinderat. Wie im FC sei er auch dort «hineingerutscht», ohne es zu suchen. Aber: «Man kann immer etwas machen.» Nach seiner Beobachtung seien viele Vereinstätige früher oder später auch in einer Kommission zu finden, beteiligten sich an der Gemeindeversammlung und am Dorfleben. «Unser politisches System basiert stark darauf, dass man eine funktionierende Gesellschaft hat», fasst er den Gedanken zusammen. Mitglieder einer Kommission oder eines Gemeinderats seien keine Politprofis. Umgekehrt könne jede und jeder von einem Vereinsamt nur profitieren: «Ein Verein ist eigentlich ein kleines KMU. Die Kasse muss stimmen, die Organisation muss sauber gemacht sein, man hat mit Rechnungen oder mit den Trainern zu tun – bereits Junge erhalten in einem Verein Chancen, die in der Geschäftswelt noch nicht möglich wären.» Oder anders gesagt: Die Erfahrungen in einer Vereinsfunktion dienen später einem selbst, aber auch der ganzen Gesellschaft.

Das Verbindende ist stärker

Viele FC-Junioren zeigen dies exemplarisch, wie Kehrli erzählt: «Ich bekam so viele Rückmeldungen von Eltern, dass ihr Sohn seit seinem Eintritt in den Fussballclub viel zugänglicher und teamfähiger sei.» Dies sei natürlich nicht nur im Fussball so, auch im Turnverein, beim Tanzen, in der Musikgesellschaft. Die Kinder erleben, dass sie Teil einer Gruppe sind. Sie erfahren Zugehörigkeit und Selbstwirksamkeit. Und dies im besten Fall unabhängig von ihrer Herkunft oder ihrem sozialen Status. Auch bei den Aktivfussballern habe es niemanden interessiert, welche politischen Ansichten man habe oder welchen Beruf man ausübe, ergänzt Kehrli. Wenn das Verbindende als stärker erlebt wird als das, was eventuell trennen könnte, nimmt man dies vielleicht auch in andere Lebensbereiche mit. Die Fachstelle «vitamin B» nennt Freiwilligenarbeit «den Kitt der Gesellschaft». Dies dürfte auf viele Vereine zutreffen. Wo sonst können Neuzuzügerinnen Gleichgesinnte treffen, erleben Jung und Alt Zugehörigkeit, ein Netzwerk und vielleicht sogar etwas des grossen Heimatbegriffs?

«Heimat ist dort, wo ich mich wohlfühle», so formuliert es Andreas Kehrli. Vereine seien dabei ein wichtiger Bestandteil. Wie um seinen Punkt zu unterstreichen, betreten in diesem Moment drei Gäste das Restaurant. Kehrli grüsst sie und erklärt: «Wir waren zusammen im FC.» Heimat – es muss nicht unbedingt ein geografischer Ort sein. Er kann auch mit Menschen zu tun haben, zu denen man eine Verbundenheit erlebt. Ohne Vereine gäbe es keine Unterhaltungsabende, kein Schwingfest, keinen Fahrdienst für Betagte, kein Training für Kinder. Grümpelturniere, Flohmärkte, Wandergruppen, Seniorentreffs, Parteien und vieles mehr würde fehlen – wäre solch ein trister Wohnort noch Heimat? Kehrli bringt es auf den Punkt: «Unsere Dörfer und die Region leben von ihren Vereinen.»

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«Unsere Dörfer und die Region leben von ihren Vereinen»

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