Während wir beim Abendessen oder vor der Tagesschau sitzen, den Kindern die Zähne putzen oder uns frühmorgens den Schlaf aus den Augen reiben, ist draussen, in den Wäldern und Hügeln, vielleicht nur wenige hundert Meter entfernt, eine besondere Raubkatze unterwegs.
Zuerst ausgerottet, jetzt auch in der Region Gantrisch heimisch
1904 wurde gemäss der Stiftung Kora beim Simplonpass der für lange Zeit letzte Schweizer Luchs gesichtet. Danach galt er hierzulande bis zu seiner Wiederansiedlung 1971 als ausgestorben. Dies wegen der Jagd auf ihn, der abgeholzten Wälder und der kaum mehr vorhandenen Beutetiere wie Rehe oder Hirsche. Heute zieht er wieder durch die Schweiz und hat auch in der Region Gantrisch eine Heimat gefunden. Einerseits ist das erstaunlich, entwickelten sich doch nach den Freilassungen in den Nordwestalpen und im Jura einige Zeit hauptsächlich dort Populationen. Andererseits eignet sich das Dreieck zwischen Bern, Thun und Freiburg vorzüglich für die Katze mit dem Stummelschwanz und den Pinselohren: Sie liebt nämlich felsdurchzogene, steile Wälder und sowohl Dickicht wie auch Aussichtspunkte, z. B. Felsen oder umgestürzte Bäume. Auch das Nahrungsangebot scheint zu stimmen. Seit gut zehn Jahren gehört der Luchs fest zum Gantrischgebiet.
Dem Luchs auf der Spur
Es ist ein nebelverhangener, kalter Dezembertag irgendwo zwischen Köniz, Oberbalm und Niedermuhlern. Marianne Bürki bahnt sich einen Weg zwischen Brombeersträuchern hindurch, über am Boden liegende Baumstämme hinweg und einen Waldhang entlang. Zielstrebig verlässt sie nun den Forstweg und klettert einen kleinen Abhang hinauf. Dort, wo eine dem Sturm erlegene Tanne eine natürliche Brücke über einen Graben bildet, stellt sie ihren Rucksack bei einer jungen Fichte ab und macht sich sorgfältig an einem daran befestigten Gerät zu schaffen. Es ist eine Wildkamera, die Bürki nun prüft. Sie klickt sich durch die Galerie der in den letzten Wochen aufgenommenen Videos. Viele gefiederte Waldbewohner haben auf der Baumbrücke eine kurze Pause eingelegt, immer mal wieder ist ein Eichhörnchen vorbeigehuscht. Die grösseren «Fänge» sind ein Fuchs, ein Dachs – und, da ist er klar zu erkennen, ein Luchs. Oder besser gesagt eine Luchsin. «Ich kenne sie inzwischen. Sie trug lange einen Sender um den Hals, jetzt nicht mehr. Die Luchsin hat einen ganz auffälligen Gesichtsausdruck, zwei Streifen über den Rücken und einen speziell eleganten Gang», beschreibt Bürki das Tier, das sie seit rund fünf Jahren in den Bann gezogen hat. Schon von Kindesbeinen auf bewegt sie sich gern in der Natur und kennt sich mit Tieren aus. Als Lehrerin, die unter anderem auch Biologie und Geografie an der Mittelstufe unterrichtet, sowieso. Im Jura stellte sie gemeinsam mit ihrem Bruder und dessen Söhnen ihre ersten drei Wildkameras auf – und erwischte prompt ihren ersten Luchs. «Es war nicht die beste Aufnahme, denn er war sehr nah und schaute verschwommen in die Kamera. Doch wir hatten grosse Freude.» Über Kontakte mit Gleichgesinnten kam die Könizerin schliesslich auf den Geschmack, den Luchs auch in ihrer Gegend zu suchen.
Wissen und Intuition
Mit einem Bekannten feierte sie wenig später ihre erste direkte Luchssichtung in der Nähe des Gurtens. Seitdem hat sie Dutzende Kameras installiert und kontrolliert diese regelmässig. Die schönsten Aufnahmen teilt sie auf ihrem YouTube-Kanal oder auf Instagram. Doch immer, wenn sie unterwegs ist, hält sie auch direkt Ausschau nach der grossen Katze. Ruhigen Fusses streift sie durch die Wälder, und ist sie mit anderen unterwegs, verlaufen die Gespräche gedämpft. Der Blick schweift ständig umher, sucht den Boden nach Kot- oder Pfotenspuren ab und späht zur Hangkante hinauf. Mittlerweile haben sich ihre Kenntnisse, Erfahrung und Intuition so gut verbunden, dass sie immer wieder Luchse sieht. Dies ist erstaunlich – streifen die Tiere doch ihren Schätzungen zufolge nur begrenzt durch die Gegend zwischen den Berner und Freiburger Voralpen.
Ihre Erlebnisse und ihr Wissen sind gefragt. Schülerinnen und Bekannte bitten etwa darum, sie einmal begleiten zu dürfen. Andere schlugen vor, aus den Fotos einen Bilderband zu machen. Vor rund zwei Jahren, als eine ihrer Schulklassen an einem Bioprojekt arbeitete, fragte eine Schülerin sie, wie weit sie eigentlich mit ihrem Buch über den Luchs sei. «Da dachte ich, jetzt muss ich wohl mal damit anfangen», erzählt Bürki schmunzelnd. Nun, Mitte März, ist es erschienen. Reich bebildert mit Schnappschüssen von Marianne Bürki selbst oder von ihren Wildkameras vermittelt es viel Wissen über den Luchs. Dazwischen lockern «Annas Luchs-Tagebuch» oder Begegnungen mit einem Wildhüter die Seiten auf. Illustriert und gestaltet ist es von Ludwig Zeller, gedruckt in Bern.
Entdecken, nicht stören
«Es ist natürlich nicht die Idee, dass nun massenhaft Leute die Wälder stürmen und überall Kameras installieren», sagt sie mit einem Augenzwinkern. «Vielmehr geht es darum, die Lesenden zu ermutigen, in der Natur die Augen offen zu halten und die Umgebung bewusster zu entdecken.» Viele in ihrem Bekanntenkreis reagierten erstaunt, dass es den Luchs bei uns überhaupt gibt. Doch vom Belpberg bis zum Jaunpass, vom Schwarzsee bis zum Sensegraben – er scheint sich hier wohlzufühlen. Und dabei soll es auch bleiben, stören will ihn auch Bürki auf keinen Fall. Schon mehr als einmal hat sie ein Exemplar mit der Wärmebildkamera erkannt und sich daraufhin ruhig zurückgezogen, damit das Tier den Talboden überqueren konnte. Allzufest scheint sie jedenfalls nicht zu stören: Als sie einmal einer Luchsin zufällig fast über den Weg lief, beachtete diese sie kaum und entfernte sich erst nach einer Weile, ohne Eile.
Von März bis Mitte April sind die Luchse in der Paarungszeit und daher auch vermehrt tagaktiv. Sonst sind sie eher während der Dämmerung oder in der Nacht unterwegs. Ende Mai oder Anfang Juni kommen die Jungen zur Welt, manchmal eins, oft zwei, selten auch drei oder vier, von denen allerdings viele nicht bis ins Erwachsenenalter überleben. Rund 370 adulte Tiere gibt es Schätzungen zufolge aktuell in der Schweiz. Davon dürften eine Handvoll in der Region Gantrisch ihre Heimat gefunden haben. Und sich an ein Reh anpirschen, während wir im Tal unten ahnungslos ein Fussballspiel schauen. Ihren Durst an einem Bach löschen, während wir nicht weit davon entfernt mit dem Auto vorbeibrausen.
Mehr zum Luchs
Das Buch «Unser heimlicher Nachbar – der Luchs. Eine Spurensuche» von Marianne Bürki ist für 34.90 Franken (plus Porto) bei der Autorin erhältlich: wildtier-touren.ch
Marianne Bürkis YouTube-Kanal: «Bildung & Natur»