Saftige Wiesen, ein hübsches Dorf mit Kirche, verstreute Höfe und eine fantastische Aussicht: Sieht Heimat so aus? Durchaus. Jedenfalls ist der Tannacker von Niklaus und Ruth Köpplin-Binggeli für viele zur Heimat geworden: für zwei Söhne und ihre Familien, für zahlreiche Pflegekinder und für rund 45 Mutterkühe mit ihren Kälbern, einen Stier, für Pferde, Ponys, Esel, Geissen, Hühner, Hund und Katzen sowie zwei Tessiner Geissen der Rasse Capra Grigia, eine vom Aussterben bedrohte Spezies.
Ein Tisch für Generationen
«Chasch mer Chlöisu säge», begrüsst Niklaus Köpplin den Autor, nachdem er diesem auf der Zufahrt zum Hof einige Schritte entgegengekommen ist. Das Gespräch findet im Essraum statt. Am grossen Tisch stehen acht Stühle. Er ist auch hier ein Ort der Verpflegung, des Austauschs, des Teilens von Leben und Erlebnissen.
Niklaus ist in Bern aufgewachsen, Ruth in Rüschegg-Gambach. «Ufeme Burehof, wo no viu vo Hand isch gmacht worde», präzisiert sie. Niklaus ergänzt: «Sie isch ä Iiheimeschi, im Gägesatz zu mir.» Beide lächeln sich an. Das Paar versteht sich gut. Keine Selbstverständlichkeit angesichts der unterschiedlichen Herkunft und der Voraussetzungen, «zäme z bure», oder mit Blick auf das lange Engagement von Niklaus als Gemeinderat und Gemeindepräsident der rund 55 Quadratkilometer grossen und 1450 Einwohner zählenden, weitläufigen Gemeinde Guggisberg. Der anschliessende Hofrundgang führt zur 2015 realisierten grossen Scheune mit prächtigem Ausblick bis nach Plaffeien und zum Chasseral. Hat man sich sattgesehen, nimmt man wieder am Tisch Platz. Kommt auch mal ein Gast unangemeldet, ist das für die gute Seele des Hauses kein Problem. «Bisher sind immer alle satt geworden», sagt Ruth mit einem Lachen.
Fast wie bei Gotthelf
Kennengelernt hatten sich die beiden vor rund 40 Jahren. 1985 zog Niklaus von der Bundesstadt auf einen Hof in Rüschegg-Hirschhorn. Das war der Anfangspunkt für die «Geschichte mit der jungen Rüscheggerin». Binggelis hatten in der Nähe Land in Pacht, weshalb Ruth oft mit ihrem Bruder im Schnepfenmoos auftauchte. Niklaus bekam damals eine Geiss geschenkt. Das neugierige Tier fand auch die Aufmerksamkeit von Ruth. Als sie sich einen Esel anschaffen wollte, bot sich Niklaus als Chauffeur an. Weil Esel nicht allein gehalten werden sollten, wurden gleich zwei Langohren gekauft und in einem gemeinsamen Stall untergebracht. «Wir lernten uns immer besser kennen», schaut Ruth zurück. Für den damals frisch getrennten jungen Pädagogen und Vater von drei Kindern hatte eine neue Beziehung nicht unbedingt oberste Priorität. Aber wie das Leben so spielt, entdeckten sie schon bald auch andere als nur die landwirtschaftlichen Qualifikationen.
Mit der Familie, die beiden Söhne Janick und Dario wurden 1994 beziehungsweise 1998 geboren, wuchs auch der Betrieb: Auf die beiden Esel folgten drei und dann noch sechs Kühe, ein zusätzlicher Stall konnte gepachtet werden, mit der Übernahme einer Pacht wuchs der Bestand an Grossvieheinheiten auf 30. Viel Arbeit also – was dazu führte, dass das Paar sich 2003 voll für die Landwirtschaft entschied.
Eine Heimat auf Zeit
In den letzten rund 18 Jahren haben Köpplins einem guten Dutzend Pflegekindern Bleibe und Sicherheit geboten. Die Aufenthalte waren unterschiedlich lang: Ein «Time-out» dauerte zwei, drei Wochen, andere blieben für ein Quartal oder gar mehrere Jahre. Was sich anhört wie ein idyllisches WG-Leben war oft ein Abbild des harten Lebensalltags der Jugendlichen und Kinder. Umso mehr zählte, was die Kinder aus teils sehr schlimmen Verhältnissen hier fanden. «Der Umgang mit den Tieren tat ihnen gut», ist das Paar überzeugt. Und natürlich die ländliche Umgebung, fernab von Lärm und Hektik. Bis es jedoch auch im Inneren der jungen Menschen etwas ruhiger wurde, war viel Geschick nötig. Pädagoge Köpplin und die «gspürige» Ruth fanden in den meisten Fällen einen Weg. Und so verliessen die Schutzbefohlenen den Tannacker anders, als sie ihn betreten hatten. Seit bald 25 Jahren gibt es auf dem Betrieb auch zwei Plätze für betreutes Wohnen.
Mit vereinten Kräften
Die Jungs halfen immer mit, auch in den Schulferien. Die Nachfolgefrage war immer wieder mal Thema am Familientisch. Dario und Janick arbeiteten schon länger auf dem Betrieb. Janick hat zusätzlich einen Pachtbetrieb in Riffenmatt und wird mit seiner Familie im Lauf des Jahres auf den Tann-acker umziehen. Zusammen haben die beiden Söhne per 1. Januar 2026 den Betrieb übernommen.
Ein echtes Gemeinschaftswerk war der 2015 errichtete grosse Stall für bis zu 90 Tiere. «Är steit ufem schönschte Platz vom ganze Hiimet (Heimat)», sagt Niklaus angesichts des gewaltigen Ausblicks. Die Elemente waren vorfabriziert und wurden an einem Tag hochgezogen.
Niklaus ist seit letztem Jahr pensio-niert. Ruth arbeitet offiziell noch, wobei sie kürzlich «Ugfehl» erlitt: Beim Kalbern mit zwei Totgeburten fiel eine Kuh auf sie. Ruth musste notfallmässig ins Spital, macht seit Monaten Physio und ist dankbar, wieder ohne Krücken gehen zu können. Fast noch näher aber geht ihr das Schicksal der Kuh: «Sie litt stark unter dem Verlust ihres Nachwuchses. So kaufte Janick für seine Kuh zwei Kälbchen. ‹Dert düre sy mer haut scho chly weich…›»
Und die Schattenseiten? «Hohe Investitionskosten und die Bürokratie machen vielen Landwirten zu schaffen», bestätigt Niklaus. Dazu kommt, dass in weiten Teilen der Bevölkerung der Bezug zur Landwirtschaft und damit zum Kreislauf der Natur und der Lebensmittelproduktion fehlt. «Entscheidend ist, ob man das überhaupt will», so das Fazit der beiden. «Es braucht Herzblut.» Dieses brachten sie mit. «Ohni Ruth wär’s nid gange», zeigt sich Niklaus überzeugt. «I has gärn gmacht», sagt Ruth entschieden.
Bleibt noch die Schweiz als Heimat. Einsatz für die Gesellschaft ist beiden nicht fremd. So engagierte sich Niklaus schon früh in der Politik, dann im Gemeinderat, als Vizepräsident und seit gut fünf Jahren als Gemeindepräsident von Guggisberg. Weil er die Prioritäten zugunsten der Familie und des Betriebs setzte, schlug er vor einigen Jahren die Möglichkeit zum «Nachrutschen» in den Grossen Rat aus.
Nun haben sie «losglah», sind aber immer noch da. «Ferien kamen eindeutig zu kurz», resümiert Niklaus. Wobei: Ruth vermisste sie nicht. Sie fühlt sich bei den Tieren und in ihrem Garten am wohlsten, Heimat eben. An Tagesausflüge ins Tessin oder in den Jura erinnern sich beide gerne. Und jetzt werden sie sich des Öfteren die Zeit nehmen, schöne Ecken der weiteren Heimat kennenzulernen.