Gibt es wirklich keine Alternative?

Gibt es wirklich keine Alternative?

Der Bahnhof Thurnen soll erneuert werden – ein lang gehegter Wunsch in der Bevölkerung. Doch die federführende BLS möchte gleichzeitig südlich des Bahnhofs, in Richtung Burgistein, zwei zusätzliche Gleise bauen. Mit Einsprachen und einer Petition wehren sich Bürgerinnen und Bürger dagegen.

Bauzüge fahren langsam. Mit maximal 20 km/h schleppen sie Gleise, Schotter oder Maschinen an die Stellen, die erneuert oder repariert werden müssen. Im dichten Taktfahrplan können sie so schnell zum Hindernis für Personenzüge werden – und weichen deshalb regelmässig auf Nebengleise aus, um gekreuzt oder überholt werden zu können. Dafür und, um die Bauzüge und Maschinen tagsüber deponieren zu können, benötigt die BLS rund alle 20 Kilometer lange Abstellgleise und Kreuzungsstellen.

Kein Gewerbegebiet gefunden

Weil im Rahmen des Doppelspurausbaus Uetendorf-Lerchenfeld ein langes Abstellgleis im Bereich Lerchenfeld aufgehoben wurde, muss nun Ersatz her. «Die BLS hat die ganze Gürbetalstrecke zwischen Bern und Thun auf Standorte für eine mögliche Abstellanlage untersucht», so die Medienstelle der BLS. Fündig wurde sie in Thurnen – auf Landwirtschaftsland. Zwischen Bern und Belp kommt eine solche Anlage nicht in Frage, zu dicht ist der Fahrplan auf dieser Strecke. Und zwischen Belp und Uetendorf sei der benötigte Raum an den Bahnhöfen nicht vorhanden. Ein Standort in einem Gewerbegebiet sei leider nicht gefunden worden. Darum bilanziert die BLS: «Wir müssen ca. 0.5 ha Kulturland umnutzen.» 840 Meter lang und bis zu 20 Meter breit soll die Anlage werden, auf einem Teilstück kommt neben einem zweiten Gleis gar noch ein drittes.

Lärm, Licht, lange Wartezeiten

Das stösst auf Widerstand. «Das Thurnenmoos ist ein inakzeptabler Standort», heisst es in einer Petition. Von den Grünen bis zur SVP – sämtliche Ortsparteien wehren sich und sammelten 1753 Unterschriften, die sie Mitte Dezember der BLS übergaben. Es geht ihnen um Lärmbelastung, Lichtverschmutzung, um geschlossene Bahnschranken – und um die verlorenen Fruchtfolgeflächen. Fahrbahnerneuerungen und weitere Arbeiten an der Bahninfrastruktur finden hauptsächlich nachts statt: Die Bauzüge kommen also meist am frühen Morgen an. Tagsüber werden sie zum Teil neu zusammengesetzt und bestückt, bevor sie am späten Abend wieder zu ihrem Einsatzort fahren. Die Rangierbewegungen könnten, so befürchtet man, zu langen Schliessungszeiten der beiden Barrieren führen. Das würde Landwirte, die im Thurnenmoos etwa Gülle austragen, zum Teil stark beeinträchtigen.

«Ein Bauer gibt nie gern Land»

Hansjörg Beutler ist einer der betroffenen Landwirte, der einen Teil seiner Ackerflächen verliert. «Man wusste schon, dass sie ein zweites Gleis machen wollen. Aber dass es nun gar ein drittes gibt und damit noch mehr Rangierlärm, das ist ein grosser Unterschied.» Dass er Kulturland verliere, sei durchaus schmerzhaft: «Ein Bauer gibt nie gern Land, schliesslich ist das unser Gut, mit dem wir geschäften.» Zudem sei die finanzielle Abgeltung lächerlich klein. Vor allem wenn man bedenke, dass Industrieland die BLS ein Mehrfaches davon kosten würde. Doch seine Einsprache habe er einzig wegen dem zu erwartenden Lärm gemacht. «Das wäre eine Belastung für uns.»

«Ich nehme die Sorgen ernst»

Auch Urs Haslebacher bestätigt dies. Viele der Einsprachen von Anwohnenden nähmen Bezug darauf, andere bemängeln das beeinträchtigte Landschaftsbild, wenn Bauzüge über längere Zeit abgestellt würden. «So eine Anlage ist ja wie ein Industriebau.» Der Gemeindepräsident legt von Anfang an Wert darauf,  keinen Gemeindeteil gegen den anderen auszuspielen: «Es gab Stimmen, die den Standort auf die Nordseite des Bahnhofs verlegen wollten.» Auch lässt er sich nicht einspannen, alternative Möglichkeiten in anderen Gemeinden vorzuschlagen. «Es ist die Aufgabe der BLS, zu prüfen, wo die Anlage am wenigsten stört.» Er wünscht sich im Namen aller Einwohnenden, dass die Bahngesellschaft noch einmal über die Bücher geht. «Es ist meine Aufgabe als Gemeindepräsident, möglichst grosse Kreise der Bevölkerung und deren Sorgen ernst zu nehmen. Ich probiere, das Möglichste zu machen.»

Einsprachen gegen Abstellgleise verzögern auch die Bahnhoferneuerung

Was für die Bevölkerung besonders frustrierend sei: Die BLS koppelt die Projekte Bahnhofumbau und Gleisanlage, obwohl beide eigentlich nichts miteinander zu tun haben. Der ursprünglich zur Sprache gestandene Baustart 2025 sei unrealistisch geworden und verschoben worden. «Der neue Zeitplan ist noch nicht definiert», so die Medienstelle. Somit stehen die Einsprechenden unweigerlich vor einem Problem: Riskieren sie mit ihrem Widerstand einen jahrelangen Aufschub der ersehnten Bahnhofserneuerung? Trotzdem: Haslebacher wünscht sich für die Betroffenen, dass die BLS wirklich ganz gut prüfe, ob es nicht einen Standort in einem Industriegebiet gäbe. «Bei der Werkstätte Chliforst hiess es auch immer, es sei der geeignete Standort. Doch nach einem öffentlichen Aufschrei kam plötzlich eine andere Lösung.» Darum lancierten sämtliche Ortsparteien die Petition. «Manchmal ist es nötig, nachzuhaken, sie herauszufordern», sagt der Gemeindepräsident.

«Ohne solche Anlagen geht es nicht»

Die Kreuzungstelle würde tagsüber hauptsächlich von den Regionalzügen genutzt, die schon jetzt je zweimal stündlich Richtung Bern oder Thun fahren. In der Nacht könnten sie vereinzelt Güterzüge befahren. «Das Abstellgleis in Thurnen wird künftig schätzungsweise während circa 14 Wochen pro Jahr benutzt, tags- und nachtüber, jedoch nicht durchgängig», erläutern die BLS-Sprecher. Der Standort Thurnen sei, fügen sie an, auch aus fahrplantechnischen Gründen nötig: für einen stabilen Fahrplan. Die Gürbetalstrecke ist nicht nur für die S-Bahn Bern wertvoll, sondern auch eine wichtige Ausweichroute für die IC- und Güterzüge, wenn die Aaretalstrecke unterbrochen ist. «Wir nehmen die Anliegen der Betroffenen und der Gemeinde ernst. Gemeinsam wollen wir eine Lösung finden.» Dennoch betont die BLS: «Immer mehr Menschen nutzen den öffentlichen Verkehr. Die Grundlage für seine Zuverlässigkeit ist eine gewartete und ausgebaute Infrastruktur. Dass solche Anlagen niemand direkt vor der Haustür haben will, ist nachvollziehbar. Ohne sie geht es aber nicht.»

Das Brummen der Dieselloks

Cornelia und Beat Schlapbach wohnen direkt am Gleis. Auf der anderen Seite zwar, aber nahe am geplanten Standort. Gemeinsam mit vielen anderen Anwohnenden legten auch sie Einsprache ein. Sie befürchten nicht nur Lärm, sie kennen ihn bereits, wie die Mühlethurnerin erzählt: «Auf dem älteren Abstellgleis vis-à-vis von uns erlebten wir bereits mehrmals diese Diesellokomotiven, welche die mehrere hundert Tonnen schweren Bauzüge ziehen. Abends um 22 Uhr, wenn wir ins Bett gingen, fing es jeweils an.» Das tiefe Brummen des Dieselmotors sei als Vibration bis in den Bauch zu spüren gewesen. «Gläser klirrten, Scheiben zitterten. Dazu kam ein massiver Dieselgestank.» Für die BLS-Arbeitenden begann nun die Schicht, «für die ist dann Tag». Sie hätten einander laut zugerufen, Material verladen: «Das hört man enorm gut.» Manchmal sei der Motor eine Stunde lang gelaufen, ohne dass die Lokomotive einmal bewegt wurde: «Warum? Das erschloss sich uns nicht.» Morgens zwischen vier und fünf Uhr seien Bautrupp und Maschinen wieder unüberhörbar zurückgekehrt. Sie erwähnt noch einen weiteren Punkt: «Wir sind hier im Moos. Ist der Boden wirklich für solch schwere Lasten geeignet? Viele Häuser hier sind gepfählt.» Und wenn man schon bei der Natur sei: «Man stelle sich nur vor, eine Diesellok hätte einen Unfall. In der heutigen Zeit müsste man die Umwelt höher gewichten.»

Dringend benötigte Gleise auf der einen Seite, begründete Skepsis auf der anderen: kein einfaches Unterfangen für alle Involvierten. Die Frage für die Betroffenen bleibt: Gibt es wirklich keine Alternative?

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