Die Praxis im Dorf lassen

Die Praxis im Dorf lassen

Hausärztinnen und Hausärzte tragen einen grossen Teil des Schweizer Gesundheitssystems, doch vielerorts fehlt die Nachfolge. In den kommenden Jahren stehen zahlreiche Pensionierungen an. Noch ist die Versorgung gesichert, doch Gemeinden und Vereine arbeiten an neuen Modellen, um die medizinische Grundversorgung langfristig zu gewähren.

Hausärztinnen und Hausärzte bilden das Fundament des schweizerischen Gesundheitssystems. Sie lösen gemäss Informationen des Verbands der Haus- und Kinderärzte MFE über 90 % aller Gesundheitsprobleme und verursachen dabei weniger als 10 % der Gesundheitskosten. Traditionell sind sie die erste Anlaufstelle bei gesundheitlichen Anliegen. Darüber hinaus sind sie oft ein Vertrauensort und begleiten Menschen über viele Jahre hinweg. Während der Anspruch an diese Leistungen bestehen bleibt, gerät das heutige Modell der Hausarztmedizin zunehmend ins Wanken. Die Workforce-Studie 2025 zeigt: Im Kanton Bern geben 94 % der Hausärztinnen und Hausärzte an, dass in ihrer Region ein Mangel an Personen in ihrer Berufsgruppe vorliegt.

Noch ist die Versorgung gesichert 

Auch in der Region Gantrisch stellt sich die Frage der medizinischen Grundversorgung. Noch präsentiert sich die Lage in den meisten Gemeinden als stabil. In Belp spricht Gemeinderat Thomas Walther (SVP) von «vielen guten und engagierten Ärzten». Auch Schwarzenburg sei, laut Gemeindepräsident Urs Rohrbach (Grüne), medizinisch gut aufgestellt. In Riggisberg sei die gesundheitliche Versorgung mit dem Spital Riggisberg, der Hausarztpraxis von Christine Beyeler und der Hausarztpraxis Längenberg aktuell gesichert. Wertvoll sei, dass für Hans Jakob Zehnder eine Nachfolge gefunden wurde, so Grossrat André Roggli (die Mitte) im Gespräch.

Belps Gesundheitszukunft unter einem Dach

Doch eine gesicherte Nachfolge ist eher die Ausnahme als die Regel. In vielen Gemeinden zeichnet sich ab, dass bestehende Hausärzte und Hausärztinnen in den kommenden Jahren pensioniert werden und eine geeignete Nachfolge ausser Sichtweite ist. Thomas Walther erzählt, dass diese Entwicklungen besorgniserregend sind.

Als Gründe nennt er einerseits den Mangel von Ärzten und Ärztinnen auf dem Markt, andererseits einen Wandel im Berufsverständnis. Kaum jemand wolle heute nach dem traditionellen Modell der Einzelpraxis arbeiten. Dauerpräsenz und hohe Arbeitsbelastung seien für viele nicht mehr attraktiv. Das Thema der Work-Life-Balance sei heute viel wichtiger als noch vor etlichen Jahren. Das traditionelle Modell müsse daher überdacht und neue Lösungen müssten gesucht werden. 

Aus diesem Grund lud Thomas Walther, als zuständiger Gemeinderat, am 2. Dezember 2025 zur Konferenz zur «Gesundheitslandschaft Belp» ein. Über 30 Personen aus verschiedenen Bereichen des Gesundheitswesens nahmen teil. Ziel sei es gewesen, «mal allen das Wort zu geben und von der Gemeinde her zu spüren, wie es in den Branchen aussieht». Zudem sollte dabei der Austausch zwischen den Akteuren gefördert werden. 

An der Konferenz wurde deutlich, dass das Hauptproblem in Belp bei der Nachfolgeregelung von Hausarztpraxen liegt. In anderen Bereichen, wie etwa bei Zahnärzten und Physiotherapeutinnen, besteht derzeit kein Mangel. 

Wie diesem Mangel der Nachfolge entgegengewirkt werden soll, war schnell klar. Viele Teilnehmende sprachen sich für ein Gesundheitszentrum aus. «Das ist eigentlich die Zukunft, man muss die verschiedenen Sachen unter ein Dach bringen», war der grundsätzliche Tenor. Einige der anwesenden Akteure erklärten sich bereit, bei der Umsetzung mitzuwirken. Geplant ist die Bildung einer breit abgestützten «Spurgruppe», die konkrete Ideen erarbeiten soll. Thomas Walther glaubt, dass sich dabei auch die Rolle der Gemeinde definieren wird. Derzeit fungiere sie als Drehscheibe und Vermittlerin, langfristig wolle sie diese Rolle jedoch abgeben. 

Thomas Walther ist zuversichtlich für die Zukunft der Gesundheitsversorgung in Belp. Im Gespräch betont er, dass Belp ein sehr attraktiver Standort sei. «Wenn nicht in Belp, wo dann?», sagt er mit Blick auf ein mögliches Gesundheitszentrum. 

Ein bewährtes Modell in Schwar-zenburg

Der Trend von Einzelpraxen hin zu Gesundheitszentren ist nicht nur in Belp zu beobachten. In Schwarzenburg wurde bereits vor elf Jahren die Schlosspraxis eröffnet. Hier werden neben der hausärztlichen Versorgung weitere medizinische Leistungen angeboten. Urs Rohrbach begründet das auch damit, dass der Beruf des Hausarztes heute keine «One-Man- oder One-Women-Show» mehr sein könne. Dank der Schlosspraxis sei die Lage der gesundheitlichen Versorgung in Schwarzenburg stabil und kein drängendes Thema für die Gemeinde. Dennoch ist die Kapazität der Schlosspraxis stark ausgelastet. 

Nach der Schliessung der Südlandpraxis in Rüschegg haben sich die verschiedenen Gemeinden zusammengeschlossen, um Anschlusslösungen zu suchen. Patientinnen und Patienten wurden grösstenteils nach Riggisberg und Schwarzenburg verteilt. Die Praxis behandle über die Gemeindegrenzen hinaus Patientinnen und Patienten aus der gesamten Region. 

Urs Rohrbach gibt im Gespräch einen Ausblick: Anfang April wird ein weiterer Hausarzt seine Stelle antreten. Er ist die Nachfolge eines Arztes, der in drei Jahren pensioniert wird. Zudem wird im kommenden Jahr ein zusätzlicher Kinderarzt seine Tätigkeit aufnehmen. Urs Rohrbach erzählt erfreut, dass die Apotheke ihren Standort ab Sommer ins Lindenareal verlegt. Mit einem erweiterten Angebot soll sie künftig zur Entlastung der Hausärzteschaft beitragen, etwa indem sie Impfungen übernimmt. «Das Angebot wächst», sagt Rohrbach. 

Engagement für die regionale Gesundheitsversorgung 

In Riggisberg spielt das Spital der Inselgruppe eine zentrale Rolle.  André Roggli, Rüschegger Grossrat und Präsident des Vereins A+, spricht von einem ständigen Austausch mit der Inselgruppe. «Bis jetzt wurde uns immer zugesichert, dass der Standort Riggisberg aufrechterhalten bleibt», sagt er. Der Verein A+ setzt sich für die Erhaltung der akutmedizinischen Versorgung ein und beobachtet die Entwicklungen im Spital daher mit «Argusaugen». Der Verein möchte auch Angebote der ambulanten Versorgung im Spital, wie die Gastroenterologie, die Pneumologie und die Kardiologie, stärken. 

Der Verein A+ wurde Anfang 2003 gegründet und zählt heute rund 600 Mitglieder. Laut André Roggli findet er in der Region Gehör und wird von Gemeinden häufig in die Lösungssuche miteinbezogen. Allgemein sei die Zusammenarbeit mit der Gemeinde eng. Die gesamtgesundheitliche Gesundheits- und Pflegeversorgung der Region Gantrisch steht im Fokus. 

Mit Blick auf die gesamte Gantrisch-Region beschreibt Roggli ähnliche Entwicklungen wie in Belp und Schwarzenburg. «Junge Ärztinnen und Ärzte haben eine andere Vorstellung von ihrer Praxistätigkeit», erzählt er und ergänzt: «Es ist auch berechtigt, dass man heute gewisse Arbeitszeiten einhält.» Um diesen neuen Anforderungen gerecht zu werden, sieht auch er Gruppenpraxen als zukunftsfähige Lösung. Insbesondere, weil sie Teilzeitarbeit ermöglicht. Da zunehmend mehr Frauen Medizin studieren, gewinnt das Thema der Teilzeitarbeit zusätzlich an Relevanz.  

Von Bund und Kanton fordert er vor allem eine finanzielle Unterstützung. Zudem akzentuiert er im Gespräch die Wichtigkeit von Assistenzstellen in peripheren Re-gionen. Sowohl in Arztpraxen in der Region und im Kanton als auch im Spital Riggisberg müssten Assistenzstellen angeboten werden, um so die angehenden Medizinerinnen und Mediziner «auf den Geschmack zu bringen», später eine eigene Praxis zu eröffnen. Aus Erfahrung sei zu sehen, dass Assistierende nach einigen Jahren häufig zurückkehrten. Dafür brauche es jedoch entsprechende strukturelle Voraussetzungen. 

Die Region Gantrisch steht damit exemplarisch für eine Entwicklung, die vielerorts zu beo-bachten ist: Die medizinische Grundversorgung ist heute noch gewährleistet, für morgen müssen jedoch die Weichen neu gestellt werden. Ob in Form von Gesundheitszentren, Gruppenpraxen, Apotheken oder gezielter Förderung von jungen Ärztinnen und Ärzten in ländlichen Regionen: Neue Modelle sind gefragt. 

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