Zugegeben, dieser Bericht hat eine etwas ländlich geprägte Sicht. Gewissermassen eine Gantrischnote. Die Wahlen aus Sicht vom Guggershörnli sozusagen. Doch das ist es durchaus wert. Denn hier oben herrscht Übersicht und Weitsicht. Oder etwa doch nicht?
Kriegserklärung
Nein, denn graue Nebelschwaden umhüllen ausgerechnet die Stadt Bern. Man sieht und ahnt nicht, was in Bern los ist. Der Nebel sei nur wegen der vielen Autos, die sich nach Bern vorwagen, klagt die Birkenstockfraktion; stimmt nicht, am friedlichen Dunstkreis der Stadt arbeiten die Althippies seit Jahrzehnten und blasen zufrieden den Rauch aus ihrer «grasigen» Friedenspfeife; derweil klopfen sich die Landwirte der Gruppierung «Ewig gestern» auf die Schulter. Trotz Pestiziden herrscht hier oben immer noch klare Sicht. Ja natürlich, diese Darstellung ist masslos übertrieben. Und keineswegs «Mass-Voll». Aber vom Guggershörnli aus sieht man halt schon, wie kolossal das gegenseitige Unverständnis gewachsen ist oder wie wenig sich Wertegemeinschaften durchmischen. Genau hier am Guggershörnli, wo die Städter in Kolonne hochlaufen, um den Asphaltkindern etwas intakte Natur zu zeigen. Solche, welche die Landwirte seit Jahrhunderten hegen und pflegen. Im übertragenen Sinne würden entlang dieses Weges die Parteien ihre Wahlplakate mit ganz unterschiedlichen Botschaften in den Boden rammen. SVP: «Ihr seid zu viele, die hier hochlaufen, ihr schadet der Landwirtschaft, die ihr ohnehin nicht wertschätzt.» Derweil wartet schon das Plakat der Grünen: «Hier könnten noch viel mehr Blumen blühen, wenn die Landwirte mit der Natur statt gegen sie arbeiten würden.» Doch schnell, ein paar Meter weiter wartet die FDP mit ihrer Botschaft: «Landwirtschaft ist ein Gewerbe und dieses sorgt für Wertschöpfung. Das sind die Unternehmer des Landes.» Die SP sieht das natürlich ganz anders: «Lasst uns noch mehr Wege bauen, damit noch mehr auf das Guggershörnli können, bitte noch mit Rollteppich, sonst schliesst das gewisse Personen aus, die nicht laufen können. P.S. Alle Berge sollen fortan Hörnli heissen, das wäre gendergerecht: das Hörnli statt der Berg.» Etwas weiter oben wirbt nun das Plakat der EDU: «Dreht euch um und erkennt das weisse Kirchlein von Guggisberg, es ist viel wichtiger als all die Plakate hier.» Auftritt GLP: «Ob Stadt oder Land, wir haben eine neue Idee, die allen dient: Wir schaffen die Gemeinden ab, damit es gar keine Gräben mehr gibt – neue Ideen, das können wir.» Die Mitte gibt sich derweil – wie könnte es anders sein – eingemittet: «Es haben doch alle ein wenig recht, seid lieb miteinander.» Ein Friedenszeichen, das vor allen Dingen in den sozialen Medien wichtig wäre. Die Plakate sind im Vergleich zu gewissen Auftritten in der digitalen Welt so harmlos wie ein Eichhörnchen, das auf einer Eichel herumkaut. In den sozialen Medien tauchen einige Kriegserklärungen gegen all jene auf, welche die Werte nicht teilen.
Mobilmachung
Und genau das ist gefährlich. Statt gegenseitigem Verständnis entsteht ein Gefühl von «Wir gegen die anderen». Also Käseglocke drüber, sich nur noch mit Gleichgesinnten austauschen, und fertig ist das giftige Pestizid, das den Graben zerfrisst und daraus Stück für Stück eine Kluft macht. Gegenmittel? Die gibt es zahlreich. Eines, das hierzulande wirkt, sind die Vereine. Im Verhältnis zur Einwohnerzahl ist die Landbevölkerung viel stärker in solchen engagiert. Das geht etwa aus der Studie von «Sotomo» aus dem Jahr 2021 hervor. Zwar trifft man sich auch in Vereinen mit Gleichgesinnten, doch kommen die Menschen aus unterschiedlichen familiären Wertegemeinschaften zusammen und bereisen andere Gebiete, wenn sie etwa zu Wettkämpfen fahren. Oft in die Städte oder grösseren Orte. Der UHC Guggisberg besucht Auswärtsspiele und lädt wiederum andere Clubs zu Heimspielen nach Riffenmatt ein. Ein anderes Gegenmittel sind die KMU. Das Gewerbe stützt nicht nur Dorf- und Vereinsleben, sondern fährt mit dem Lieferwagen über die «Grabenbrücken», um seine Fertigkeiten auch ausserhalb des Dorfes, etwa in der Stadt, anzubieten. Doch für den mit Abstand grössten Austausch zwischen Stadt und Land sorgt die Demokratie selbst. Die Politikerinnen und Politiker, die sich hierzulande ausschliesslich ehrenamtlich darum kümmern, die Interessen der Region nach Bern zu tragen, stehen im Grossen Rat permanent im Austausch mit «den anderen». Nicht selten stimmt das etwas milde. Man beginnt, einander zu verstehen, wenngleich man die Werte deswegen noch lange nicht teilen muss. Das ist tägliches Brot für Grossräte der Region wie etwa Verena Aebischer (SVP) aus Guggisberg, André Roggli (Die Mitte) aus Rüschegg, Simon Ryser (GLP) aus Seftigen, Roland Iseli (SVP) aus Rüschegg, Sarah Gabi Schönenberger (SP) aus Schwarzenburg, Fabian Zulliger (SVP) aus Gerzensee oder aus dem benachbarten Mittelhäusern gleich die vier Grossräte Jan Remund (Grüne), Benjamin Marti (SVP), Thomas Brönnimann (GLP) und Reto Zbinden (SVP). Zehn Vertreterinnen und Vertreter aus der Region nehmen also derzeit im kantonalen Parlament Einsitz. In der Regierung sitzt mit dem Kaufdorfer Christoph Neuhaus (SVP) noch ein Regierungsrat aus dem Verteilgebiet dieser Zeitung. Aufgrund der Listenverbindungen der Bürgerlichen – SVP, FDP und die Mitte – sowie derjenigen der Linken mit SP und Grünen oder den Einzelkandidaturen der GLP und EVP wird klar, dass niemand aus dem Gantrischgebiet für die Wahl in den Regierungsrat vorgesehen ist. Umso wichtiger werden die Grossrätinnen und Grossräte der Region. Für sie machen sich die Parteien stark. Vor den Wahlen vom 29. März herrscht eine Art Mobilmachung. Rückzug von den Grabenbrücken, auf in den Wahlkampf, Mobilmachung in der eigenen Region. Und nun treten die Stadt-Land-Unterschiede wieder hervor. Doch auch das ist Demokratie. Denn was die «Sotomo»-Erhebung auch zeigt, ist, dass nur ein mobilisiertes Land die einwohnermässig weitaus überlegenen Städte in Schach halten kann. Die direkte Demokratie sorgt für Ausgleich und Ausgewogenheit. Bedingung ist aber: «Land an die Urne», wie die Fahnen an vielen Bauernhäusern jeweils auffordern.
Friedensverhandlungen
Die Unterschiede zwischen Land und Stadt mögen beträchtlich sein. Oder – um ans Guggershörnli zurückzukehren: Möchtegern-Bergsteiger aus der Stadt kraxeln mit hochalpiner Survivalausrüstung das Weglein hoch, während nebenan die einheimische Landwirtin mit leichter Ausrüstung alle überholt und noch schnell die Zäune repariert sowie weggeworfene Papiertaschentücher entsorgt. Hier prallen Welten aufeinander, gut zusammengefasst von den Plakaten, die wie eine neue Fruchtfolge aus dem Boden ragen. Eine Art Mischkultur, ja fast schon Permakultur. Permanente Agrikultur, wie es das Wort ausdrückt. Also fortwährend, immerwährend bewirtschaften, aber so, dass die Scholle keinen Schaden nimmt, dass man sie nicht auslaugt. Wenn die Unwissenden den grünen Zeigefinger auf die Landwirtschaft richten, dann vergessen sie oft, dass diese sehr wohl weiss, wie man das Land zu bestellen hat, damit es nicht zugrunde geht – aus eigenem Interesse. Sie ist dann genauso grün und erfreut sich am selben Wachstum. Seit Jahrhunderten. Und genau darin liegen die Freude an den Wahlen, der Erfolg der Schweiz und die Chance des Gantrischgebiets. Im Dazwischen von Stadt und Land liegt die Mehrheit. Diese lebt nämlich in den Agglomerationen. Eine Mehrheit ist urban und ländlich zugleich. Man kommt vom Land, lebt in der Stadt, man verlässt die Wohnungsknappheit und geniesst das Landleben, man bezahlt gerne gutes Geld für gute Produkte vom Land, weil man weiss, wie viel Arbeit darin steckt. Eine Art Friedensverhandlung zwischen Stadt und Land. Im Dazwischen. Darin wohnt die Normalität. Wer also am 29. März wählen geht, leistet nicht nur einen Beitrag für eine ausreichende Vertretung des Landes im Parlament, sondern auch ein probates Mittel gegen die Vergrösserung des Stadt-Land-Grabens. Beide Seiten müssen sich die Stange halten. Deshalb: «Leute vom Land, an die Urne.»