Heisse Zeiten für Kaltwasser-Fische

Heisse Zeiten für Kaltwasser-Fische

Gäbe es in der Gürbe überhaupt noch eine Forelle ohne die Arbeit von Aschi Liniger, Jürg Balmer, Beat Bühlmann sowie ihren Kameradinnen und Kameraden? Wenngleich die Fischfreunde viel zu bescheiden sind, um das in dieser Klarheit zu sagen: die Vermutung liegt nahe, dass die Bachforelle ihr natürliches Habitat im Gürbetal ohne diesen Verein längst verloren hätte.

Nur wenige hundert Meter lang windet sich der Mühlebach als Umlauf parallel zur Gürbe, ehe er in Burgistein wieder in den Fluss mündet. Verglichen mit der Aare ist dieser Bach schon fast ein lächerliches Rinnsal. Für die Bachforellen hingegen bedeutet er die Welt. Hier können Sie eingesammelt werden, zum Schutz, zur Zucht, zum Fortbestand. Die Renaturierung dieses Abschnitts war ein Projekt des Fischereivereins Gürbetal. Im Gegenzug für die Nutzung dieses Bachs hat sich der Verein verpflichtet, diesen zehn Jahre lang zu pflegen. «Nun sind es schon über 20 Jahre», lacht Liniger. Nicht dass es den Ehrenpräsidenten stört, nein, dieses Beispiel zeigt vielmehr auf, wie alleine die Vereinsleute manchmal im Kampf um Lebensräume für den Alpenfisch sind.

Ein «Gürbefisch»
Weiher für Jungfische, Mutterfische oder die Zucht, Bachläufe und jede Menge Gerätschaft nutzen die Mitglieder, um sicherzustellen, dass «keine fremde Fötzel in der Gürbe schwimmen», sagt Aufseher Bühlmann scherzhaft. Das ist aber kein «Unterwasser-Rassismus», sondern ein übergeordnetes Ziel. «Ein Fisch aus der Emme kann in der Gürbe nicht leben und umgekehrt», erzählt Liniger. Die Bachforelle ist genau an das entsprechende Fliessgewässer adaptiert. Eines von mehreren Rätseln der Natur. «Fische, von denen wir die DNA kennen, haben wir abgefischt und weiter unten in der Gürbe ausgesetzt. Sie sind schnurstracks wieder dorthin zurückgeschwommen, wo sie hergekommen sind», verrät Präsident Balmer. Wie sie sich orientieren? Ein weiteres Rätsel. Der Verein geniesst bei seinen Bemühungen wissenschaftliche Unterstützung. Die Universität Lausanne baut einen ganzen Gen-Stammbaum der Forellen auf und analysiert im Moment die Aufzuchtbäche. Parallel übernimmt der Verein kantonale Aufgaben an der Gürbe und erhält dafür den sogenannten Hegebeitrag. Das Abfischen, die Aufzucht in Reutigen mit 20 bis 25’000 Bachforellen, die verschiedenen Weiher wie etwa auf der Staffelalp in Stand zu setzen, zu säubern und die Kontrollen, «das alles ist ein Riesenaufwand, aber das machen wir gern», sagt Bühlmann. Denn dahinter steckt ein inniger Wunsch der Forellenfreunde: nicht etwa der volle Korb beim Fischen, sondern, «dass wir einen guten Teil an Eigenverlaichung erzielen können, etwa in einem Schongebiet», verrät Ehrenpräsident Liniger.

Eine Bedrohung
Doch davon ist man weit entfernt. Sorgenfalten gesellen sich zu jenen, die das Alter erzeugt hat. Der Ehrenpräsident sitzt nun weitaus nachdenklicher im Garten seines Hauses, nur wenige Meter von der Gürbe. Jener Mann, der noch die Zeiten kannte, in denen Zehntausende von Bachforellen in der Gürbe schwammen, jener Mann, der nach den Unwettern in den 60er Jahren die Fische einsammelte und in der Badewanne aufpäppelte, damit sie überleben konnten, jener Mann, der in den 90er Jahren nach einem erneuten Unwetter politisch so viel Druck erzeugte, dass es ein zweijähriges Fischverbot gab, jener Mann ist so besorgt wie nie zuvor. «Der Druck auf die Fische ist von allen Seiten gross», beginnt er mit einem Seufzen. An der Gürbe wird gebaut, gerodet, renaturiert. Offenbar, ohne an die Bachforellen zu denken. «Renaturieren ist wichtig und wenn es gut gemacht wird, wie beispielsweise in Toffen, auch nützlich», beginnt der Forellenkenner. Dennoch sind die Probleme allgegenwärtig: «Gürbe im Gebirge» lautet ein Projekt, das vorsieht, im grossen Stil zu renaturieren, Schwellen rauszunehmen und mit einem grossen Ausschutthubel den Fluss des Wassers sicherzustellen. 24 Mio. Franken für ein Grossprojekt. Das Problem dabei: «Der einzige Ort, an dem die Forelle hinunter kann, sind die Schwellen. Diese sollen aber – bis auf drei – im Gebiet ‹Gürbe im Gebirge› allesamt weichen», gibt er zu bedenken. Und das ist erst die Spitze des Eisbergs respektive der «Nünenenfluh», dem Quellgebiet der Gürbe. Bachforellen benötigen Wassertemperaturen von 14 bis 17 Grad. «Nun kennen wir das Problem der Gewässererwärmungen seit geraumer Zeit. Dennoch werden in den renaturierten Stellen Steine in die Gürbe gelegt, die aus dem Wasser ragen. Diese erwärmen sich in der Sonne und erhitzen wie ein Tauchsieder das Wasser», fügt Liniger an. Eigentlich müssten diese Gewässer beschattet werden, damit die Erwärmung nicht ungebremst voranschreitet. Aber: «Bäume werden gefällt, damit sie nicht ins Wasser fallen. Schon früher wurde im grossen Stil gerodetet und die Fische verschwanden unmittelbar danach. Man hätte also das Wissen dieser Folgen. Heute wird zwar nur noch streckenweise gerodet, aber die Wirkung ist in Kombination mit den anderen Faktoren nach wie vor fatal für die Forelle.» Behörden und Politik haben schlicht und ergreifend die Fische vergessen. Renaturiert, aber nicht «rewasseriert». Liniger sagt es so: «Wir finden einfach kein Gehör, weder bei den Behörden noch der Politik.»

Ein K(r)ampf
Dabei verfügt der Verein über das nötige Wissen und mit seinen 180 Mitgliedern sogar über die nötigen Ressourcen. «Aschi kennt die Gürbe seit 70 Jahren», unterstreicht Balmer die Wichtigkeit von Linigers Schlussfolgerungen. Der Ehrenpräsident erinnert ein wenig an den Indianerhäuptling, der die «Modernen» davor warnt, was passieren kann, wenn man die Natur und die Tiere missachtet. Der Weise der Gürbe, sozusagen. Aber wer Forellen in der Badewanne rettet, der hat Kampfgeist in seinen Kiemen. Liniger, Balmer, Bühlmann und ihre Leute kämpfen an allen Fronten. Jungfischerkurse für Kinder, die zusammen mit den Eltern den respektvollen Umgang lernen, die Säuberung der Uferzonen, die der Verein mit all seinen Mitgliedern regelmässig unternimmt oder die Aufsicht, in der Bühlmann versucht, Gefahren zu erkennen. Besorgt ist auch er: «Graureiher und Gänsesegler sind zahlreich vorhanden, die Zahl der Fischer ist in der jüngsten Vergangenheit regelrecht explodiert und die Erwärmung sorgt dafür, dass fremde Fische immer höher hinaufschwimmen. Die Barbe beispielsweise hat man schon in Mühlethurnen gesichtet», erzählt der junge Aufseher. Das Problem dabei: Diese Weissfische rauben der heimischen Forelle die ohnehin knappe Nahrung. In die Gürbe lassen sie ihre Forellen erst nach sechs Monaten. Sie sollen stark genug sein, um sich gegen all diese Widrigkeiten durchsetzen zu können. «Der ganze Aufwand lohnt sich aber, wenn man sieht, wie aus einem kleinen Fisch von wenigen Zentimetern nach und nach eine stattliche Bachforelle wird», sagt Balmer zum Schluss. Der Fischereiverein Gürbetal kämpft längst nicht mehr für einen guten Fang, sondern fürs Überleben einer urheimischen Fischart. An allen Ecken und Fronten, an allen Mündungen und Nebenbächen. Wasser und Tiere brauchen Platz, nicht nur die Menschen. Und das ist dringend nötig, denn es sind heisse Zeiten für die Kaltwasser-Fische.

INFO
www.fvguerbetal.ch

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Heisse Zeiten für Kaltwasser-Fische

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