Mittlerweile sind alle Kühe wieder in ihren eigenen Ställen und alle Angestellten wieder in ihrem eigenen Leben angekommen – zumindest physisch – mental sind wir vielleicht alle noch ein bisschen oben in den Bergen.
Den Alpsommer auf der Alp Langenegg, die für ihr sehr steiles Weideland bekannt ist, haben wir etwas früher als geplant beendet; die Hitze, die Trockenheit und die damit verbundene erschwerte Futteraufnahme der Milchkühe haben schlussendlich zu diesem Entscheid geführt. Aus diesen Gründen beschloss das Hirtenpaar zusammen mit dem Vorstand der Alpkorporation Langenegg, die rund 60 Kühe nicht ins Tal zügeln zu lassen, wie es die Tradition eigentlich vorsieht, sondern die teils erschöpften Tiere auf dem Berg zu verladen und abzutransportieren.
Das war ein Entscheid für das Tierwohl und gegen die Unterhaltung der Leute. An diesem Montag gab es keine Blumenbouquets auf den Köpfen der Kühe, kein Glockengeläut und keine Gänsehaut. Und es war ein Entscheid, der wohl einen Strich durch die Vorstellung vieler gemacht hat. So wie mein Arbeitskollege am Samstagmorgen mit dem Lärm der Bandfräse einen Strich durch die Vorstellung der Alpenidylle gefräst hat.
Von daher ist es eine Chance, eine Alp mit offenen Käserei- und Stalltüren zu sein und so den jungen und älteren Besucherinnen und Besuchern einen Einblick in das Älplerleben zu ermöglichen: Sie sehen, dass es mehr (oder anders) ist, als mit einem Grashalm im Mundwinkel mehr oder weniger gehorsame Kühe einzutreiben und anschliessend in der saftigen Wiese ein Stück Käse zu geniessen. Sie sehen, wie die Käserinnen schruppend und schwitzend das Kessi polieren, sie sehen, dass wir am Samstag und Sonntag genauso arbeiten wie an jedem anderen Tag.
Es ist aber eine Chance, die man wahrnehmen muss: Wenn sich Personen aus nicht-bäuerlichen Kreisen für die Landwirtschaft interessieren, muss man sich dafür Zeit nehmen. Es ist gut investierte Zeit, denn jeder und jede, der oder die den Kopf zur Käserei- oder Stalltür hineinstreckt und staunt, fragt oder bemerkt, nimmt etwas davon wieder runter ins Tal, erzählt es vielleicht weiter, macht sich über einen Aspekt, den ihn oder sie beschäftigt, Gedanken, agiert beim nächsten Einkauf vielleicht bewusster.
Umgekehrt müssen auch wir offen sein, für Fragen, die vielleicht weh tun: «Warum sind die Kühe tagdurchs angebunden? Warum können sie erst nachts raus? Warum sind ihre Schwänze befestigt? Bekommen sie genug Wasser?» Denn solche Fragen stellen einen jedes Mal vor die Zielkonflikte, von denen es in der Landwirtschaft so viele gibt. Es entstehen Gespräche, die den Flachländlern und den Berglern guttun.
So wie die zwei Schmetterlingsforscher, die zu Beginn des Sommers an der steilen Sonnseite des Berges mit Fangnetzen nach ihren bunten Forschungsobjekten suchten und sie dann an einem schrägen Tisch unserer Alpbeiz betäubten, präparierten und bestimmten. Sie gaben den neugierigen Kindern und mir (ebenfalls neugierig) zu bedenken, was die Gülle mit der Artenvielfalt der Lepidoptera (Schmetterling auf lateinisch, wie wir an diesem Tag lernten) anrichtet und, dass der langsam mineralisierende Mist viel weniger schädlich für die zarten Insekten sei.
Wir sahen das alle ein und trotzdem musste ich erwidern, dass die anfallende Gülle auf dem Berg ja irgendwo ausgebracht werden müsse. Die für die Weide wertvollen Nährstoffe runter ins Tal zu transportieren, sei keine Option. So entstand an diesem schwülen Nachmittag eine weitere Diskussion über einen von vielen Zielkonflikten in der Alp- und allgemein in der Landwirtschaft. Am Schluss des Gesprächs nahmen die Forscher ihre Gedanken mit ihren Netzen und Lepidopteras zurück ins Tal und wir nahmen unsere Gedanken mit in den Stall.
Eine Schlussfolgerung aus dem Gespräch entstand nicht – aber das muss es auch nicht immer geben.
Sera J. Hostettler
Agraringenieurin und Agrarjournalistin