Doch dieser Eindruck täuscht. Ursprüngliche Wildnis gibt es in Mitteleuropa heute kaum mehr. Was wir als Natur erleben, ist meist das Ergebnis einer jahrhundertelangen Wechselwirkung zwischen Mensch und Landschaft: Landwirtschaft, Waldnutzung und Jagd haben sie geprägt, heute kommen die Folgen unseres Lebensstils hinzu. Wissenschaftler sprechen deshalb vom Anthropozän, dem «Zeitalter des Menschen»: Luftverschmutzung, Stickstoffeinträge, Mikroplastik und Klimawandel reichen bis in die letzten Winkel unserer Landschaft und verändern sie.
An die Stelle der ursprünglichen Wildnis traten über Jahrhunderte naturnahe Kulturlandschaften. Viele bedrohte Tier- und Pflanzenarten sind auf extensive Wiesen, Hecken, Hochstamm-Obstgärten oder Riedflächen angewiesen. Auch wir Menschen schätzen solche strukturreichen Landschaften besonders und ziehen sie dunklem Wald oder Monokulturen vor. Das Heidiland-Image baut auf genau solchen Bildern auf. Doch auch diese Landschaften sind heute selten geworden.
Ein Beispiel dafür liegt vor unserer Haustüre: der Dittligsee mit seinem Schilfgürtel, den Hecken und Riedwiesen. Dieses Flachmoor ist keine ursprüngliche Wildnis. Ohne Pflege und angepasste Bewirtschaftung würde das Gebiet allmählich verbuschen – und viele spezialisierte Tier- und Pflanzenarten würden verschwinden.
Gibt es also überhaupt keine Wildnis mehr in unseren Dörfern? Ganz so einfach ist es nicht. Da und dort gewinnt die Natur wieder etwas Eigenständigkeit zurück. Ein besonders eindrückliches Beispiel dafür ist der Biber. Als unermüdlicher Baumeister kümmert er sich eigenhändig um Renaturierungsmassnahmen.
Im Längmoos hat er den Mühlebach angestaut und damit innerhalb weniger Jahre Teile des Waldes wieder in einen periodisch überfluteten Auenwald verwandelt. Selbst der daneben verlaufende Fahrweg muss den neuen Wasserständen weichen.
Der Biber fördert die Artenvielfalt wie kein anderes heimisches Tier. Er arbeitet ohne Bewilligungsverfahren, ohne Rücksicht auf bestehende Infrastrukturen – und Folgekosten sind ihm egal. Einsprachen? Zonenpläne? Fehlanzeige. Das mag auf den ersten Blick ärgerlich sein.
Doch haben wir Menschen in den letzten zwei Jahrhunderten rund 90 % unserer Moore und Feuchtgebiete trockengelegt und den grössten Teil unserer Fliessgewässer begradigt oder verbaut. Wenn wir heute dem Biber wieder Raum geben, lassen wir ein kleines Stück jener natürlichen Dynamik zurückkehren, die unsere Landschaft einst geprägt hat – und damit auch eine kleine Dosis Wildnis.
Carmen Bezençon, Gemeinderätin