Ein altes, schmuckes Stöckli mit Raum für vier Senioren in zwei Doppelzimmern und mit einer Gemeinschaftstoilette, eine Hausmutter, die für 50 Franken Gehalt im Monat nach dem Rechten schaut: Der Alltag der allerersten Bewohnenden im «Bärtschihaus» dürfte heute wohl für die meisten unvorstellbar sein. Betritt man das Areal des Altersheims, findet man sich zwischen drei modernen Wohnhäusern mit Raum für 49 Bewohnende und viel Grünfläche wieder. Nur die Aussicht, die dürfte mit Blick auf die Stockhornkette und das Gantrischmassiv gleichbleibend imposant geblieben sein. Alles andere hat sich gewandelt. «Es gibt heute viel Besonderes bei uns», findet auch René Grimm, Präsident des Vereins Altersheim Riggisberg. «Die ganze Versorgung für ältere Leute haben
wir an einem Ort.» Tatsächlich ist das aktuelle Konzept vergleichbar mit einem Campus. Ein Pflegeheim und Alterswohnungen für selbständige Seniorinnen und Senioren, die auf gewisse Dienstleistungen angewiesen sind. Weiter die Spitex und eine Hausarztpraxis, die gleich um den friedlichen Garten herum angeordnet sind, und das Spital, das sich nebenan befindet.
Gestiegene Lebenserwartung
Mit diesem modernen Konzept und den Neubauten hat man in Riggisberg einen grossen Schritt geschafft. Grundsätzlich werden Menschen heute älter, sind bis ins hohe Alter vital und bleiben möglichst lange selbständig und aktiv. «Die Menschen kommen viel später ins Pflegeheim», erklärt Grimm, «erst dann, wenn sie wirklich Unterstützung und Pflege brauchen.» Das Durchschnittsalter im Riggishof liege heute bei über 88 Jahren. Vor 100 Jahren war ein so hohes Alter fast undenkbar, die Lebenserwartung entsprach damals eher dem heutigen Pensionsalter. Das hohe Alter bringt auch neue Herausforderungen mit sich. «Die Problematik ist, dass die Demenz durch das immer höhere Alter zunimmt. Das heisst der Pflegebedarf nimmt zu und es braucht mehr Mitarbeitende in der Pflege und Betreuung», beschreibt Grimm die momentane Entwicklung.
Neubau und Modernisierung
Die Balance zwischen dem möglichst langen Aufenthalt im eigenen Zuhause und dem Eintritt ins Heim war auch schon früher ein grosses und auch emotionales Thema. Im Amt Seftigen war damals der Wunsch gross, mit einem regionalen Altersheim eine Möglichkeit zur individuelleren Pflege zu bieten und die Unterbringung in Armenanstalten wo möglich zu vermeiden. Nach der Eröffnung 1927 dauerte es nicht lange, bis die Anzahl der Bewohnenden anstieg und neben Heimleiterin Bärtschi weitere Pflegende angestellt wurden. Bis zum Einbauen eines Badezimmers mussten sich die Seniorinnen und Senioren allerdings noch bis in die 1950er gedulden. Der stattliche Riegbau des Altersheims kam räumlich immer mehr an seine Grenzen. 1970 wurde nach einigem Hin und Her das alte Gebäude schliesslich abgerissen und ein Neubau realisiert, eine letzte Modernisierung gab es 1997. Der Verein Altersheim Riggisberg kann sich in seiner langen Geschichte rühmen, immer in Bewegung geblieben zu sein und sich den zahlreichen ideologischen, gesellschaftlichen und bürokratischen Herausforderungen, die sich in der Betreuung von älteren Menschen ergeben, immer wieder gestellt zu haben.
Grosse Herausforderungen
Auch in den nächsten Jahren ist der Riggishof nicht vor Veränderung gefeit. Die Verwaltung wird durch enge Vorgaben des Kantons zunehmend belastet, Pensionierungen und mögliche Strukturanpassungen stehen an. Aber auch die Pflege ist in ständiger Entwicklung. «Die grössten Herausforderungen sind die Vorgaben des Kantons», gibt Grimm Einblick. «Im Grunde kommt das davon, dass kein Vertrauen mehr da ist. Mit mehr Vertrauen könnten die Menschen selbständiger arbeiten und wären effizienter.» Das Arbeitsklima vor Ort tangiert das zum Glück nicht. Engpässe beim Personal sind in Riggisberg kein Thema. «Von zuoberst bis zuunterst haben wir ein gutes Klima», ist Grimm überzeugt. Man kennt sich im Team, neue Menschen finden rasch Anschluss.
Raum für Begegnung und Genuss
Und nun ist also Zeit zum Feiern. Über das ganze Jahr verteilt lädt der Verein zu persönlichen Begegnungen und gemeinsamem Genuss wie etwa Konzerten und Zirkusvorstellungen ein. Denn schliesslich sind es unzählige Menschen und Schicksale, die im letzten Jahrhundert das Altersheim und seinen Weg geprägt haben. Anekdoten über Verstösse gegen die Hausordnung (wie etwa Trunksucht oder «Verkehr mit Weibspersonen»), Vorkommnisse wie zwei tragische Schiessereien mit tödlicher Folge oder früher übliche Tauschhandel wie Arbeitseinsätze gegen Rauchwaren haben sich so einige angesammelt. Auch heute noch gilt: Wo Menschen zusammenwohnen, gibt es Reibereien. Aber auch viel Schönes. Mit den Jubiläumsanlässen wollen Vorstand und Heimleitung vor allem Begegnungen und Genuss Raum geben. «Einerseits wollen wir damit nach aussen sichtbar sein», so René Grimm, «aber vor allem wollen wir mit den Leuten, die hier arbeiten und wohnen, und mit deren Angehörigen richtig feiern.»
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