Der Sonnenaufgang an diesem Morgen war spektakulär. Was für ein Privileg, hier leben zu dürfen! Forst-Längenbühl ist ein kleines Dorf mit grossartigen Landschaften: kleinen Seen, Blick auf die Alpen, den Gantrisch und die Stockhornkette. Sanfte, vom Gletscher geformte Hügel – sogenannte Drumlins, die es anderswo in der Schweiz kaum noch gibt. Oft genügt es, eine Strasse zu überqueren, um auf Naturwegen bis zur Wasserscheide oder auf einen Gipfel zu gelangen.
Wir geniessen unsere Landschaft. Wir fotografieren sie. Wir nutzen und vermarkten sie. Wir nennen sie «unsere Heimat». Nur: Ist Heimat etwas, das man konsumieren kann? Diese Landschaft ist nicht einfach «da». Sie ist gestaltet, bewirtschaftet, genutzt – und sie verändert sich.
In den letzten hundert Jahren hat sich das Landschaftsbild auch in den ländlichen Gemeinden gewandelt: Durch die Intensivierung der Landwirtschaft verschwanden Hecken und andere prägende Strukturen. Und auch wir haben unsere Gärten oft aufgeräumt, versiegelt oder pflegeleicht gestaltet – zulasten der Vielfalt. Inzwischen ist das Bewusstsein gewachsen, dass diese Entwicklung teilweise über das Ziel hinausgeschossen ist. Mit jeder entfernten Hecke, jedem gefällten Hochstammbaum, jedem drainierten Feuchtbereich ging nicht nur Lebensraum verloren – auch die Eigenart unserer Landschaft wurde ärmer.
Die Landschaft, die wir Heimat nennen, ist kein statisches Idyll. Sie ist Ergebnis von Entscheidungen – und sie ist verletzlich. Bleiben wir Zuschauerinnen und Zuschauer? Oder werden wir Mitgestaltende?
Hier setzt das Projekt «Lebendiges Gürbetal» des Naturparks Gantrisch an: nicht bewahren um jeden Preis, sondern ökologisch und ästhetisch weiterentwickeln. Ganz im Sinne von «Jeder Quadratmeter zählt» kann jede und jeder im eigenen Wirkungskreis beitragen – eine Ecke naturnäher gestalten oder ein grösseres Vorhaben anstossen.
Landschaftspflege ist keine Einzelaufgabe. Sie lebt vom Miteinander. Es geht um mehr als ökologische Aufwertungen – es geht darum, Verantwortung zu teilen: vom Landwirtschaftsbetrieb bis zum Garten, vom öffentlichen Raum bis zum Balkon. Dafür braucht es keine perfekten Lösungen, sondern Aufmerksamkeit, geteiltes Wissen und die Bereitschaft, mitzumachen.
Und dieser Gedanke reicht weiter. Eine lebendige Gemeinde entsteht überall dort, wo Menschen sich einbringen – in Vereinen, Projekten, Arbeitsgruppen oder auch in einer Behörde. Heimat ist nicht nur Landschaft. Heimat ist auch das Engagement derjenigen, die mitdenken, mitreden und mitgestalten. Vielleicht liegt genau darin der Kern von Heimat: nicht nur in der Aussicht auf Alpen und Gantrisch, auf Geist- und Dittligsee. Sondern in dem, was wir gemeinsam daraus machen – und darin, dass wir Sorge tragen zu dem, was uns trägt.