Der deutsche Dichter Hermann Hesse schrieb: «Bäume sind wie Heiligtümer. Wer mit ihnen zu sprechen, wer ihnen zuzuhören weiss, der erfährt die Wahrheit. Sie predigen nicht Lehren und Rezepte, sie predigen (…) das Urgesetz des Lebens.» Dass wir uns von Bäumen auf eine besondere Weise berühren lassen, hängt vielleicht damit zusammen, dass in unseren Genen unbewusst immer noch die Verbundenheit mit vergangenen Generationen nachklingt, die viel enger mit der Wirklichkeit des Waldes und den wiederkehrenden Zyklen der Natur verknüpft waren als wir. Die gemeinsame Geschichte von Mensch und Baum in unserem Land lässt sich weit zurückverfolgen.
Der Baum der Ahnen, Menschen und Götter
Von den Alemannen, welche dem germanischen Kulturkreis angehörten und am Übergang von Altertum und Mittelalter weite Teile der Schweiz besiedelten, ist die mythologische Vorstellung vom Weltenbaum überliefert. Dieser titanische Baum verbildlichte das Grundgerüst der Welt. In seiner mächtigen, alles umfassenden Gestalt vereinigten sich die unterschiedlichen Bereiche der Wirklichkeit: Unter seinen verborgenen Wurzeln hielt die Herrin der Unterwelt Hof und hütete die Seelen der dahingegangenen Ahnen und der Ungeborenen. Um seinen Stamm dehnte sich die Mittlere Welt aus – die den Menschen vertraute irdische Landschaft mit ihren Tieren, Pflanzen und Mineralien. Die Krone des Weltenbaumes war aber dem offenen Himmel zugewandt, vom Licht der Gestirne getränkt und deshalb den überirdischen Wesenheiten, den Göttern und dem Elbischen Volk vorbehalten. Dieser Baum galt mit seiner festen Struktur als unerschütterlicher Garant für die Ordnung des Weltgefüges. Mysterienkundige Menschen – Priester und Seherinnen – waren in der Lage, sich entlang der vertikalen Achse dieses kosmischen Gebildes zu bewegen und dadurch andere Ebenen der Wirklichkeit zu erfahren.
Die Kelten, welche unser Land ebenfalls lange Zeit prägten, verehrten die Bäume als Sitz göttlicher Mächte. Ihre religiösen Handlungen fanden in heiligen Hainen im Angesicht uralter Bäume, Felsen und Quellen statt – und das Wort Druide, die Bezeichnung für ihre Priester, bedeutet nichts anderes als «Baum-Weiser».
Singende Tannen und Zwergenbäume
Spuren dieses alten symbiotischen Welt- und Baumbildes finden sich auch in unseren überlieferten Sagen und Märchen. Die Guggisberger Sage über eine singende Tanne, die einen begnadeten Holzschnitzer zu einem Kunstwerk inspirierte, kann in dieser Ausgabe der Gantrisch Zeitung nachgelesen werden. Gemäss einer anderen Überlieferung aus Riffenmatt legten die Zwerge auf ihrem Weg in das Unterland stets unter einer alten Linde oberhalb des Dorfes eine Rast ein, indem sie sich auf einem ebenmässig gewachsenen Ast niederliessen und eine Zeit lang die Aussicht genossen. Missgünstige Zeitgenossen sägten diese natürliche Sitzbank des Kleinen Volkes eines Tages an und amüsierten sich darüber, wie die erschrockenen Zwerge allesamt mit dem abbrechenden Ast zu Boden purzelten. In einer Sage aus Bern ist die Rede von einem mächtigen Baum unbekannter Art, welcher lange Zeit vor dem Murtentor gestanden und sich durch eine auffällige Öffnung im dicken Stamm ausgezeichnet habe. Habe jemand einen Brief an eine geliebte Person in dieses Loch gesteckt, sei die Botschaft dem Adressaten auf wundersame Weise als Zeichen im Traum erschienen, unabhängig davon, wie weit weg er sich befand. Und dies lange vor der Erfindung der modernen Telekommunikation.
Ein verbreitetes Motiv in unserer heimischen Sagentradition ist die Handlung des Trankopfers, wonach naturverbundene Hirten und Sennen an bestimmten Plätzen in der Natur regelmässig Gebsen voller Milch und Nidel als Dank für die Hilfeleistungen von Zwergen und Feen niederlegten. In vielen Geschichten ist explizit von alten Bäumen die Rede, zwischen deren Wurzeln die Speiseopfer dargebracht wurden. Der Küher vom Gantrisch huldigte seinen Zwergenfreunden zum Beispiel bei einem Stein, der unter einer urwüchsigen Wettertanne stand. Vom Walenhaus bei Guggisberg ist die Sage eines eigenbrötlerischen Bauern überliefert, welcher der Kirche jeden Sonntag fernblieb und dafür unter einer uralten Tanne im Schärenholz Zwiesprache mit den Mächten des Waldes hielt. Als der Pfarrherr von Guggisberg diesen Mann aufsuchte, um ihm ins Gewissen zu reden, fand er ihn beim andächtigen Gebet mitten im Wald vor. Der Walenhäusler forderte den Geistlichen daraufhin auf, ihm auf den rechten Fuss zu treten und zugleich über seine linke Schulter zu blicken. Diese magisch anmutende Geste liess den Pfarrer in eine Welt blicken, deren Schönheit und Harmonie ihm Tränen der Rührung in die Augen trieb.
Maibaum und Wünschelrute
Auf ähnliche Weise belegen auch Überbleibsel alten Brauchtums eine archaische Verbundenheit unserer Ahnen mit ihren «bäumigen Nachbarn». Unvergessen ist die Sitte des Maibaums, welchen die jungen Burschen in der Nacht auf den ersten Mai anstelle eines Hochzeitsantrages für ihre Geliebten aufstellten. Heute verkündet auf dem Land eine geschälte Tanne mit grünem Wipfel bisweilen noch die Geburt eines Kindes. Vermehrte Aufmerksamkeit erfährt dieser Tage wieder die alte Kunst des Rutengehens, welche sich die Qualitäten bestimmter Hölzer (v.a. Hasel, Weide und Erle) zunutze macht, um Erdströmungen, Wasseradern und energetische Verwerfungen aufzuspüren. Die Sage weiss manches Müsterchen zu berichten, wie sich Schatzsucher dieser alten Technik bedienten. Verloren gegangen ist hingegen der Brauch des Quickens, welcher stets zur Zeit des Frühlingserwachens betrieben wurde. Durch das symbolische Zwicken von Mensch und Tier mit knospenden Hasel-, Birken- oder Ebereschenzweigen wurde die Trägheit des Winters «ausgeklopft». Dadurch sollten die Vitalkräfte angeregt werden, was dem Volksmund zufolge für eine gute Gesundheit durch den Sommer hindurch sorgte und in jungen Frauen die Fruchtbarkeit förderte.
Auch was einigen Förstern und Bauern über den rechten Zeitpunkt des Holzschlages – über den Einfluss von Mondphasen und Gestirnskonstellationen auf die Holzqualität gefällter Bäume – noch bekannt ist, mag seinen Ursprung in altem mythologischem Naturwissen der Kelten und Germanen haben.
Wenn wir vor einem eindrucksvollen alten Baum staunend stehenbleiben und unter dessen weit aufgespanntem Schirm von einem Gefühl friedvoller Ruhe erfasst werden, welches uns alle Nöte und Querelen des Alltages vorübergehend vergessen lässt, dann mag in diesem Empfinden etwas von jener uralten empathischen Beziehung nachklingen, welche die Bewohner unseres Landes seit unzähligen Generationen mit den Bäumen gepflegt haben. Selbst im 21. Jahrhundert mit seiner hochspezialisierten Technologie und seiner zunehmend digitalisierten Lebensweise verkörpert der Baum für die meisten Menschen ungleich mehr als ein blosser Holzlieferant, Luftveredler und Bodenbefestiger. Der Baum berührt unser Gemüt auf einer tieferen Ebene und lädt uns immer wieder dazu ein, für einen Moment innezuhalten und uns, seinem Beispiel folgend, tief im Urgrund des Lebens zu verwurzeln und gleichzeitig nach der sonnendurchfluteten Weite des Himmels auszustrecken. Das Irdische und das Kosmische, Körper und Geist, fliessen in seiner verbindenden Gestalt organisch zusammen. In einer Zeit einschneidender Umbrüche und rasanter Veränderungen vermag er uns die ursprüngliche Stabilität des natürlichen Gefüges vielleicht besser zu versinnbildlichen als alle vom Menschen erdachten Systeme und Konzepte. Er steht immer noch für das unvergängliche Gerüst der Welt – für den Weltenbaum, der alle Aspekte des Lebens trägt.