Auf dem Küchentisch des altehrwürdigen Fachwerkhauses am Waldrand oberhalb der Aare liegt ein vergilbtes, von Würmern und Mäusen angefressenes Schulheft aus dem Jahr 1858. Die Tintenlinien der verblüffend gleichmässig gezogenen Schönschrift haben über die Jahre eine bräunliche Farbe angenommen.
«Dieses Heft haben wir auf dem Dachboden unseres Hauses gefunden», erklärt Verena Hänni. «Es belegt, dass dieses Gebäude früher als Dorfschulhaus gedient hat. Fast hundert Jahre lang wurde hier eine Gesamtschule geführt.»
Vom Bauernstöckli zur Dorfschule
Grundbucheinträgen zufolge hat die Schulgemeinde Jaberg dieses schmucke Haus, welches zuvor als Stöckli zu einem Bauernheimet gehörte, 1862 gekauft und baulich seiner neuen Bestimmung angepasst: Eine grosse Stube wurde eingerichtet, in der ein Lehrer alle Kinder der Gemeinde zusammen unterrichtete. Dazu kam eine alte Küche, welche noch mit einer richtigen «Chemihutte», einem hölzernen Rauchfang, ausgestattet war. Als Anbau folgte ein kleiner Stall, in dem sich der Lehrer wohl einige Ziegen für den eigenen Lebensbedarf hielt. «Meine Eltern sind noch in diesem Haus zur Schule gegangen», berichtet Hans Jörg Hänni aus der Vergangenheit seiner Familie. «Sie waren beide gebürtige Jaberger und als Bauernkinder im Dorf aufgewachsen.» Seine Mutter habe später vierzig Jahre lang das Amt der Hauswartin im Schulhaus ausgeübt. Dadurch waren sie und ihr Mann, welcher in Thun in der Munitionsfabrikation arbeitete, berechtigt, die Wohnung im oberen Stock zu bewohnen. Der heute 78-jährige Rentner ist selbst mit seinen drei Brüdern darin grossgeworden.
Stolz zeigen die beiden einen Stein mit der eingravierten Jahreszahl 1862, welcher wohl beim Umbau zur Dorfschule als eine Art Grundstein eingesetzt wurde. «Wir haben ihn im alten Ofen der Schulstube eingemauert gefunden», erläutert Verena Hänni. «Weil damals ausschliesslich mit Holz geheizt wurde, war er schwarz vor Russ. Ich musste ihn stundenlang schrubben, bis die Inschrift wieder leserlich war.» Inzwischen hat dieser altehrwürdige Zeitzeuge einen neuen Platz in der Wohnstube von Hännis gefunden.
Jagberg und Kachelhütte
Bevor die Schule darin unterkam, erwarben die Brüder Abraham und Hans Baumgart 1810 den damaligen Bauernstock und richteten darin eine Hafnerwerkstatt ein, eine Töpferei. Bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts verblieb das Haus im Besitz dieser Handwerkerfamilie und diente unter anderem der Herstellung von «Häfen», also Töpferware. Diese Nutzung muss die Bedeutung des Hauses im Dorf über lange Zeit hinaus geprägt haben, denn auf einer Karte aus dem Jahr 1873 lautet der Flurname des Anwesens noch immer «Kachelhütte». «Beim Umbau des Hauses sind viele Töpferscherben zum Vorschein gekommen», bestätigt das Ehepaar Hänni im Hinblick auf diese vergangene Episode der Hausgeschichte.
Selbst als das Schulhaus später in Betrieb genommen wurde, existierte in Jaberg noch kein eigentlicher Siedlungskern, das Dorf setzte sich aus verstreuten Bauerngütern zusammen. Hännis legen Dokumente vor, wonach sich der Dorfname ursprünglich von «Jagberg» herleitet und zugleich der Name eines alten bernischen Edelgeschlechtes war. Doch der Boden, auf dem das alte Haus von Jaberg steht, gründet noch tiefer in altersgrauen Zeiten, wurden doch im vorletzten Jahrhundert in einem nahen Waldstück vier Hügelgräber mit Knochenresten und Beigaben aus vorchristlicher keltischer Zeit offengelegt.
Eine neue Ära bricht an
Doch wie ist es nun soweit gekommen, dass dieses altehrwürdige Haus mit seiner geschichtsträchtigen Einbettung zum örtlichen Lebensanker des Ehepaars Hänni geworden ist?
Hans Jörg Hänni ist zwar als Sohn der Abwartin Martha Hänni-Künzi im hier vorgestellten Haus aufgewachsen, aber die Schule hat er bereits im neuen Dorfschulhaus besucht, welches 1953 nebenan errichtet wurde. Während er mit seinen Eltern und seinen Brüdern weiterhin das Obergeschoss der aufgegebenen Schule belegte, richtete sich im ehemaligen Klassenraum unter ihnen zwischenzeitlich ein Fischer aus Bern ein, der an den Wochenenden in der nahen Aare seiner Tätigkeit nachging. Als die Gemeinde das Haus drei Jahrzehnte später veräussern wollte, besass die immer noch hier wohnhafte Familie der Abwartin das Vorkaufsrecht. Hans Jörg, der älteste von vier Söhnen, beschloss, dieses Recht zu nutzen und die Liegenschaft zusammen mit seiner Frau Verena zu erwerben. Mit ihren zwei kleinen Buben stürzten sich die jungen Eltern in das Abenteuer, der bewegten Geschichte dieses alten Hauses ein neues Kapitel anzufügen.
«Das Haus war äusserst baufällig», merkt Verena Hänni an, «das Dach nicht mehr regendicht. Bei nassem Wetter musste mein Schwiegervater im Dachstock Kübel und Becken unter die beschädigten Biberschwanzziegel stellen.» Als gelernte Hochbauzeichnerin fungierte die lebenserfahrene Frau gleich selbst als Architektin und plante den Umbau des neuen Eigenheims in eigener Regie. Die anstehenden Arbeiten, welche für die junge Familie eine erhebliche finanzielle Hürde darstellten, wurden ebenfalls zu einem bedeutenden Teil in Eigenleistung erbracht. Als gelernter Maler und Gipser konnte Hans Jörg Hänni seine handwerkliche Erfahrung einbringen, auch seine drei Brüder – von Beruf Schlosser, Maurer und Maschinenmechaniker – leisteten wichtige Beiträge zum Gelingen des aufwendigen Unterfangens. Versonnen denkt das Ehepaar Hänni an jene Pionierzeiten, die inzwischen beinahe 40 Jahre zurückliegen. «Wir mussten das Dach komplett erneuern», schöpft der Pensionär aus seinen Erinnerungen. «Meine Eltern wohnten damals noch immer im oberen Stockwerk und konnten vorübergehend vom Schlafzimmer aus die Sterne am Nachthimmel zählen. Den ganzen Monat Oktober des Jahres 1986 hindurch fiel glücklicherweise kein einziger Regentropfen.» «Kaum hatten wir das Unterdach fertig eingezogen», ergänzt seine Frau, «begann es in Strömen zu regnen.»
Schützenswertes Objekt
Da es sich beim vormaligen Dorfschulhaus um ein denkmalgeschütztes Objekt handelte, hatten die Umbauer keineswegs freie Hand und mussten sich immer wieder mit den Behörden absprechen, um einen gangbaren Weg zu finden. «Zu jener Zeit war es beispielsweise undenkbar, die ursprünglichen doppelglasigen Fenster durch eine einfache zeitgemässe Variante zu ersetzen», beanstandet Verena Hänni die damalige baurechtliche Praxis. «So mussten wir für die Fensterreinigung weiterhin jedes Mal mühsam die Scheiben auseinanderschrauben…»
In den darauffolgenden Jahren investierte die Familie viel Zeit, Energie und Kapital in die fortlaufende Erweiterung ihres Hauses. Nach dem Tod von Hans Jörg Hännis Eltern wurde die freigewordene Obergeschoss-Wohnung komplett saniert, «wobei wir darauf achteten, die alte Bausubstanz möglichst originalgetreu zu erhalten», wie Verena Hänni erklärt. «So findet man dort oben alte Flecken (massive behauene Holzbohlen) und wurmstichige, sandgestrahlte Balken neben einer modernen Einbauküche.» Diese Wohneinheit wird heute von einem weiteren Sohn der ehemaligen Schulhausabwartin, also einem von Hans Jörg Hännis Brüdern, genutzt. An die Stelle des früheren Ziegenstalls trat zudem ein Anbau mit einer eigenen Studiowohnung. Zuletzt wurde die wetterseitige Laube durch eine grosszügige Terrasse ersetzt, in deren Unterbau eine ebenfalls erneuerte Luft-Wasser-Wärmepumpe Platz fand. Alles in allem eine bemerkenswerte Umwandlung, welche dieses alte Haus im jüngsten Abschnitt seines Bestehens erfahren hat.
Über die Jahre gewachsen und verwurzelt
Durch das Küchenfenster geht der Blick auf einen sorgsam gepflegten Gemüsegarten, um den sich die Obstbäume einer kleinen Hofstatt gruppieren. Im Norden stehen eine Fichte und eine Eiche nebeneinander, zwei stolze Baumgestalten, die das alte Haus gleichsam zu beschirmen scheinen. «Was glauben Sie, wie alt diese beiden sind?», fragt mich das Ehepaar schmunzelnd.
Der Schreibende schätzt die Bäume aufgrund ihres stattlichen Wuchses bedeutend älter als sie in Wahrheit sind. Hännis lachen herzhaft. «Vor vierzig Jahren, als wir hier angefangen haben, sind sie von uns eigenhändig eingepflanzt worden.»
Dieses alte Haus muss wahrhaft auf einem wüchsigen Boden stehen. Die beiden vitalen Bäume könnten gleichsam ein passendes Symbol für die lebhafte Geschichte dieses über zweihundertjährigen Bauwerks darstellen – und für die Tatkraft und den Pioniergeist seiner derzeitigen Bewohner.
Die Geschichte schreibt sich weiter
«Wir wünschen uns, dass wir noch möglichst lange selbständig in diesem Haus leben und zueinander schauen können», sinniert Verena Hänni mit einem Seitenblick auf ihren Mann. «Das Haus haben wir mittlerweile an einen unserer Söhne überschrieben, der in der kleinen Studiowohnung nebenan lebt und uns in vielen Bereichen eine wertvolle Stütze ist. Wenn wir irgendeinmal nicht mehr sind, werden er und sein Bruder schauen, wie es mit diesem Haus weitergeht.»
So reichen sich Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft die Hände im alten Haus von Jaberg.
Aber was hätte wohl Rosina Trachsel dazu noch zu ergänzen, jene Oberstufenschülerin, welche das altersfleckige Aufsatzheft aus dem Jahr 1858 hinterlassen hat, mit dem unsere kleine Zeitreise begonnen hat? Wer diesen Artikel aufmerksam gelesen hat, mag an dieser Stelle einwenden, dass das Dorfschulhaus in Jaberg zu dieser Zeit ja noch gar nicht in Betrieb war. Richtig. Rosina ging noch in Kiesen zur Schule, über die alte Holzbrücke, welche damals die Aare überspannte. Übrigens überqueren die Jaberger Kinder auch heute wieder die inzwischen im Betonguss ausgeführte Aarebrücke, um die Schulbank zu drücken. Denn im Jahr 1993 musste das Gemeindeschulhaus auch am neuen Standort geschlossen werden, weil sich der Betrieb für die damaligen vier Schulkinder aus dem Dorf nicht mehr rentierte.
So geht das Eine in das Andere über. Die Zeiten wandeln sich – und wir uns mit ihnen.