Lange bevor das «Waldbaden» modern wurde und heute sogar medizinisch anerkannt ist, habe ich manchmal bewusst langsame Spaziergänge alleine im Wald genossen. Den Unterschied der Jahreszeiten riechen, sehen und hören: der Duft von feuchtem Moos und feuchtem Laub, das Rascheln der Blätter auf dem Waldboden, Regentropfen, die durch das Blätterdach tropfen, die unterschiedlichen Vogelstimmen. Einfach mal mit dem Rücken an einen meiner Lieblingsbäume lehnen und Kraft tanken.
Qing-Li, japanischer Professor für Umweltimmunologie, geht mit seinen Studenten in den Wald. Sie gehen nicht einfach spazieren, sondern praktizieren Shinrin-Yoku. In seinem Buch «Waldbaden» schildert er, wie sich die bewusste Wahrnehmung der Natur auf die Gesundheit auswirkt. Das Immunsystem werde gestärkt, die Zahl der Killerzellen nehme zu. Blutdruck, Puls und das Stresshormon Kortisol würden sinken. Sein Buch trägt den schönen Untertitel «Wie die Bäume Dir helfen, Gesundheit und Glück zu finden».
Wie unterscheidet sich Waldbaden vom normalen Spaziergang? Beim Spaziergang kann man am Herumgrübeln sein oder gar das Natel dabeihaben. Beim Waldbaden hingegen nimmt man die Natur um sich herum achtsam mit allen Sinnen wahr – die Entspannung und Entschleunigung stehen im Vordergrund. Ich gehe gerne spazieren, weil dabei vieles in Gang kommt. Die Aktivierung beider Gehirnhälften lässt mich kreativer sein und neue Blickwinkel einnehmen. Zusätzlich zu meinen regelmässigen, eher sportlichen Spaziergängen werde ich in Zukunft häufiger das bewusste «Waldbaden» ausprobieren.
Ich bin dankbar, in der Region Gantrisch zu wohnen. Was für ein Luxus, dass die meisten von uns maximal 15 Minuten vom Wald entfernt wohnen! Der Wald bietet neben den wichtigen materiellen Ressourcen (Jagd- und Forstwirtschaft, Pilze usw.) eine grosse immaterielle Ressource: Ruhe, Erholung, Auftanken. Vielleicht ist uns dieser Wert des Waldes nicht so bewusst, weil er keinen Preis hat. Weil eben am Waldrand kein «Eintritt» verlangt wird. Diese immaterielle Ressource wird in Zeiten zunehmenden Stresses und der ständigen Verfügbarkeit durch das Natel immer kostbarer.
Tragen wir gemeinsam Sorge dazu! Mich berührt es jedes Mal, wenn ich den älteren Mann im Wald antreffe, der neben seinem Wald junge Bäume pflanzt und sie hegt und pflegt. Es liegt viel Weisheit und Ehrfurcht vor der Natur in seiner Stimme, wenn er sagt, dass er das für seine Grosskinder tut.
Julia Kalenberg