Wissen wiederentdecken

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Naturpädagoge Jürg Schär kennt sich in der heimischen Landschaft bestens aus. Von Kind auf bewegte er sich viel im Wald. Seit vielen Jahren gibt er Kurse und hilft anderen, einen Zugang zur Wildnis zu finden.

Der Eichelhäher merkt sofort, ob jemand als Gast oder als Eindringling durch den Wald geht. Für Jürg Schär ist dieser Vogel ein Sinnbild dafür, was viele Menschen verlernt haben: sich als Teil der Natur zu verstehen. Zuhause, vor seinem Holzhaus mit Blick auf den Rüschegger Wald und zur Gantrischkette, sagt Schär: «Die Natur hat eine beruhigende Wirkung auf den Menschen.» Wieder und wieder hat er dies beobachtet, bei sich, aber auch bei den inzwischen wohl schon hunderten Teilnehmenden seiner Wildnis-Kurse. Als Schulbub begleitete er seinen Grossvater beim «Pilzeln» im Wald bei Langenthal. Seitdem zog es ihn immer wieder in die Natur. Zeitenweise verbrachte er ein Drittel des Jahres fernab der Zivilisation und schlief auf einem Bett aus dünnen Ästen.

«Wir sind Teil der Natur»

Seit 1988 ist Schär Kursleiter im Outdoorbereich. Doch daneben war er auch beruflich viel unterwegs. Ursprünglich Landwirt, arbeitete er lange als Waldarbeiter, liess sich dann zum Pflegefachmann und später zum Sozialpä-dagogen HF ausbilden. Zudem ist er Erwachsenenbildner HF. Zum Kursleiter für Naturthemen wird er, als in den späten 1980er-Jahren eine Survival-Welle von den USA nach Europa schwappt. Plötzlich zog es viele in die Wälder. «Ich merkte aber, dass viele Survival-Bücher wohl vor allem am Schreibtisch entstanden waren und in der Praxis nicht viel taugen», erzählt er. So habe er eigene Erfahrungen gesammelt und dieses Wissen weitervermittelt. «Mich faszinierte das Einfache. Das, was die Natur bietet. Mit der Zeit schärfte ich meine Sinnesorgane und entdeckte viele Ressourcen.» So ging es ihm rasch einmal nicht um Survival im militärischen Sinn, sondern vielmehr im indianischen Verständnis: wahrzunehmen, was die Natur einem bietet, und zu wissen, was man nehmen darf. «Ich lernte, dass ich ein Teil der Natur bin. Mein Auftrag ist es, mich zu integrieren, mich der Natur anzupassen.» Er merke immer wieder, dass viele Leute eine Gegenkomponente zur Konsumgesellschaft suchten. Wer sich nicht als Eindringling aufführt und sich mit dem nötigen Respekt in der Natur aufhält, lernt, immer mehr mit den eigenen Sinnen wahrzunehmen und dies technisch umzusetzen. Schär vermittelt in seiner Waldläuferschule oder in Outdoor-Kursen zum Beispiel, wie man das Wetter richtig deutet, wie man sich orientiert, Tierspuren erkennt oder welches Wildgemüse essbar ist. «Das gibt Sicherheit. Unsere Gesellschaft hat dieses Wissen leider verloren und wir sind nun abhängig von viel Materiellem.»

Respektvoll im Wald

Schnüre aus Brombeerästen oder Fichtenwurzeln, Betten aus Ästen oder regendichte Dächer aus Rindenziegeln und Gras – viel ist möglich, wenn man nur weiss, wie. Doch Schär ist es wichtig, sich vor Kursen im Wald mit dem Förster abzusprechen. «Der Schweizer Wald gehört immer jemandem», sagt er. Wildcampieren ist zum Beispiel verboten, in den Wildruhezonen dürfen die Wege nicht verlassen werden. Eine einfache Übernachtung mit einer Blache sei hingegen meist kein Problem. Wichtig sei es, respektvoll mit dem Wald umzugehen und keinen Abfall zu hinterlassen. «Unser Ziel ist immer, dass der Förster hinterher nicht einmal sieht, wo wir waren.»

Elementare Kenntnisse

Nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine erlebte Jürg Schär bzw. die Wakonda-Schule eine starke Nachfrage nach Outdoor-Kursen. «Viele Leute merkten, dass sich ihr gewohntes Leben plötzlich ändern könnte. Sie wollten wissen, was sie etwa im Fall eines längeren Stromausfalles machen können.» Schär und sein Team legen dabei Wert auf solide Tipps. Sie raten zum Beispiel, Wasser abzukochen und zu filtern. Anstatt das Feuermachen per Feuerstein zu lehren, raten sie den Teilnehmenden, stets Zündhölzer vorrätig zu haben. Sie zeigen aber auch, wie man trotz Regen oder Schnee im Wald trockenes Holz findet und wie man mit einem einzigen Zündholz zu einem wärmenden Feuer kommt. Doch auch dort sind sie weit entfernt von «Prepper-Kursen» und führen die Lernenden in das achtsame Leben in der Natur ein.

Heute gibt Jürg Schär nur noch wenige Kurse selbst. Er arbeitet Vollzeit als Lehrer und bietet Erlebnispädagogik-Weiterbildungen für Lehrpersonen an. «Der Kontakt mit der Natur ist unglaublich wichtig für Kinder», sagt er. Während der Bildschirm zwei Dimensionen zeige, sei das Leben draussen dreidimensional. Oft lässt er seine Schülerinnen und Schüler – Kinder und Erwachsene – einfach mal still im Wald sitzen. Schrittweise schauen, hören, tasten, riechen und schmecken sie dann ihre Umgebung. Die Sinnesorgane, im hektischen Alltag oft überflutet und abgestumpft, erwachen zu neuem Leben. «Die meisten Leute entspannen so körperlich und psychisch. In den mehrtägigen Kursen schlafen sie oft erstaunlich viel. In dieser Entspannung fällt es dann einfach, Neues zu lernen.» Dann, wenn der Wald nicht einfach Kulisse ist, sondern zum Teil der eigenen Welt geworden ist.

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