Im Takt der Kühe schlägt das Herz der Heimat

Im Takt der Kühe schlägt das Herz der Heimat

Lange Wimpern öffnen und schliessen sich immer wieder. Es sind Pausen, die dieser strahlende Blick nur verlangt, damit man ihm nicht gänzlich erliegt. Welch sanfte Ausstrahlung umschmiegt ihr Wesen. Sie ist wahrlich die urschweizerische Anmut. So umwerfend schön wie ein Gipfel, so tiefgründig wie ein Bergsee und so eigenwillig wie eine schroffe Felslandschaft. Die Kuh. Willkommen im Stall der Familie Berger aus Burgistein. Willkommen in einer Welt, in der Schönheit mehrere Gesichter hat.

Es zieht ein vielversprechender Wind auf an diesem Freitagmorgen. Vorboten eines Regenschauers. Balsam auf die geschundenen Wiesen dieses Sommers. Davon gänzlich unbeeindruckt kauen im Stall rund 70 Tiere zufrieden ihr Frühstück. Das Idyll wird nur ab und an von einem Schnauben unterbrochen. Für die Familie Berger ein kurzer Moment, um selbst innezuhalten. Dann, wenn die meisten ihre müden Glieder aus dem Bett wuchten, haben sie schon Kühe gemolken, den Stall gemacht und die Tiere versorgt.

Farbenfrohes Burgistein

Neben dem grossen Küchentisch bei Bergers mag sich manch einer die Augen reiben. An der Wand hängen etwa gleich viele Bilder der Familie wie von den Kühen. Tiere, die im Rampenlicht stehen, fein säuberlich hergerichtet, damit ihre Schönheit zur Geltung kommt. Der zweite Blick erstaunt nicht minder. Die Kühe glänzen in allen möglichen Farben und Arten. Bergers durften in drei aufeinanderfolgenden Jahren an der BEA teilnehmen und taten dies mit drei verschiedenen Rassen. Wieso diese Rassenvielfalt? «Weil es interessant ist», sagt Niklaus Berger schmunzelnd und erbarmt sich dann doch noch unser und erklärt: «Es fasziniert mich, wie sich die verschiedenen Rassen mit ein und demselben Grundfutter unterschiedlich entwickeln, jede mit ihren Vorzügen.» In seinen Worten klingen Wissbegier und der Anspruch an eine gesunde Zucht mit. Und hierfür geht es bei Weitem nicht nur um die Abstammung, sondern vielmehr auch um innere Werte. «Ein guter Gehalt ist wichtig, da wollen wir besonders darauf achten, genauso wie bei den Zellwerten.» Deshalb bringt es seine Frau Isabelle auf den Punkt: «Eine gute Kuh hat keine Farbe.» Und das scheint nicht nur bei Bergers so zu sein. Wer durch Burgi-stein flaniert und für einmal nicht das Schloss oder die Aussicht geniesst, sondern seinen Blick über die Weiden schweifen lässt, der stellt fest: Hier grasen manche Farben und Rassen nebeneinander. Die Landwirtfamilien in Burgistein scheinen viel Wert auf gesunde und starke Tiere zu legen. Denn wahre Schönheit kommt ja bekanntlich von innen. Neun Bauernfamilien prägen in diesen Jahren den Viehzuchtverein Burgistein. Dank ihrer Kühe weiden übrigens überdurchschnittlich viele «Missen» auf Burgisteiner Boden. Sieht man doch …

Ein Verein, der wichtiger ist denn je

Und genau diese Viehzuchtfamilien sind in diesen Wochen besonders gefordert. Zweimal im Jahr findet auf dem «Weierboden» eine Viehschau statt. Mit gut 100 Kühen. Doch in diesem Jahr werden es wohl 150 werden, rechnet Niklaus Berger. In diesem Jahr wird alles ein wenig grösser und bedeutender. Denn der Viehzuchtverein Burgistein feiert sein 75-jähriges Bestehen. Eine Zahl, die klarmacht, dass Viehzucht im beschaulichen Burgistein eine lange Tradition hat. Eine wichtige noch dazu. Vor 1950 trieben die Burgi-steiner ihr Vieh nach Riggisberg. Mit den erfolgreichen Bauernfamilien aus dem kleinen Nachbarort platzte Riggisberg aber bald aus allen Nähten. Es wurde Zeit, dass auch Burgistein seine eigene Genossenschaft erhielt. 1951 war es so weit. Mitbegründer war schon damals einer mit dem Namen Berger – der Grossvater von Niklaus Berger. Eine Familie, die zum Viehzuchtverein Burgistein gehört wie das Euter zur Kuh. Und der Verein verbindet genau solche Familien. Solche, die von der Aufzucht, der Milch oder ganz einfach der urtypischen Schweizer Landwirtschaft leben. Diese gemeinsame Bande ist von grosser Bedeutung. «Man diskutiert, man vergleicht die Zuchterfolge, man fachsimpelt und man hilft einander», erklärt Niklaus Berger. Wie wichtig diese Momente sind, vermag die Tatsache zu verdeutlichen, dass es bei allen neun Bauernfamilien um deren Existenz geht. Sie leben von und mit den Kühen. Der Viehzuchtverein bringt sie zusammen. Selbst wenn es nicht um das Exterieur einer Kuh geht. Der soziale Austausch wird immer wichtiger. «Früher gab es diesen Austausch beim täglichen Käsereibesuch. Doch das gibt es so bei uns nicht mehr. Für viele ist es deshalb auch schön, über den Viehzuchtverein miteinander in Kontakt zu stehen», sagt Berger. Vielleicht ist der Verein, so gesehen, in der heutigen technisierten und digitalisierten Welt sogar wichtiger denn je.

Zwischen Romantik und Tragik

Die Landwirtschaft steht unter Druck. Schon seit jeher sind die Bauernfamilien den Launen der Natur ausgesetzt. «So ein Jahr wie dieses darf sich für viele Landwirte nicht wiederholen», sagt etwa Isabelle Berger. Doch seit einigen Jahren steigt auch der öffentliche Druck auf die Nahrungsmittelproduzenten unseres Landes. Von ihnen werden Anpassungen verlangt, die kaum umsetzbar sind, ständig wechseln und höchstens zu noch mehr Verunsicherung beitragen. Man mag sich die Frage stellen, wie es Herr und Frau Schweizer sehen würden, wenn Nahrungsmittel wieder knapp würden und die Selbstversorgung wichtiger würde. Spätestens dann möchte man dieselben Landwirtfamilien, die nun ab und zu angeprangert werden, plötzlich wieder auf der Sänfte tragen. Milchwirtschaft, wie sie Bergers betreiben, gehört in das voralpine Gantrischgebiet, seit es Menschen gibt, und schon weitaus länger, als es die Schweiz selbst gibt. Das 75-Jahre-Jubiläum des Viehzuchtvereins Burgistein soll in diesen Zeilen auch an die Wichtigkeit der regionalen Ernährung erinnern. Und daran, dass ein Leben unter Kühen – mögen sie auch noch so schön sein – nicht immer einem Idyll aus dem Tourismuskatalog gleicht. «Gestern etwa, gestern war so ein Tag», beginnt Isabelle Berger zu erzählen. Die Quelle gab plötzlich kein Wasser mehr, bei 30 Grad und 70 durstigen Mäulern. Zu allem Übel verlor die Familie am selben Tag noch eine Kuh, die ein verkehrt liegendes Kalb zur Welt brachte. Bittere Momente, die plötzlich eine drückende Stille über den Raum legen. Da öffnet jemand schwungvoll die Türe. Sohn Loris ist mit anderen aus der Familie dabei, auf dem Feld das Problem mit der Quelle in den Griff zu bekommen. Er hat keine Zeit, den schweren Moment aufzunehmen, er ist vielmehr an einer zeitnahen Lösung interessiert. Und prägt damit den viel gesagten Satz: «Es muss ja weitergehen.» Denn nur so kommen die schönen Momente wieder, die über die Hektik erneut die Romantik legen. Die neun Bauernfamilien aus dem Viehzuchtverein Burgistein kennen beides. Last und Freud, Tragik und Romantik. Doch gemeinsam meistert man die schweren Momente einfacher und geniesst die schönen weitaus besser. Und ein solcher steht ja unmittelbar bevor. Am 10. Oktober auf dem Weierboden in Burgistein.

Es wird Zeit, die Familie Berger wieder zu ihren Kühen zu lassen. Den Schönen und den Guten? «Das sagte man früher, heute sind die Kühe beides», verdeutlicht Niklaus Berger zum Schluss. Der Weg aus der Küche hinaus auf den Vorplatz führt am Stall vorbei. Das halboffene Tor schenkt einen Blick hinein zu den Tieren, den jungen aus der Aufzucht, den heranwachsenden Stieren und den Milchkühen. Ja, sie sind wirklich schön, diese Kühe jeder Couleur und Art. Jede auf ihre Art. Selbst die «charakterstarken», wie es Berger zu sagen pflegt. Auf dem Weg vom Hof, vorbei am nächsten Bauernhof, jenem seines Bruders, keimt ein Gedanke auf: Was, wenn wir mehr von diesen Familien hätten? Solche Bergers, Hadorns und wie sie alle heissen mögen in Burgistein. Familien, die seit Gedenken ihrem Heim und der umgebenden Natur so verbunden sind? Tagein und tagaus dem Wohl der Tiere alles unterordnen? Gäbe es dann weniger Menschen, die einer Karriere voller Macht und Habgier nacheifern? Man weiss es nicht. Was man aber vermuten darf: Die Welt wäre ganz bestimmt mindestens um eine Kuhlänge besser. Denn hier in Burgistein schlägt das Herz der Heimat im Takt der Kühe.

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Im Takt der Kühe schlägt das Herz der Heimat

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