Es riecht nach Leder. Helles Licht fällt durch die Glasfronten, welche das Atelier an der Steinbachstrasse 23 in Belp auf zwei Seiten begrenzen. Ein etwas älteres Automodell, welches prominent im Raum abgestellt ist, sticht sofort ins Auge. «Schon beinahe ein Oldtimer», lächelt der Autosattler Christoph von Allmen. Er zeigt auf ein Motorrad in ausgefallenem Design und mit originell gefertigtem Ledersattel, welches gleich daneben prangt. Ein massgefertigtes Unikat. Auf dem grossen Werktisch liegt die abmontierte Rückenlehne eines antiken Sofas, bereit für eine sorgfältige Wiederbelebung durch den Restaurateur. Etwas versteckt hinter der Eingangstür, aber nicht minder Neugier erweckend, fällt die aus hellem Holz geschreinerte Nachbildung einer Vierplätzer-Gondelkabine auf. Grosse Nähmaschinen, Schneidwerkzeuge und zahlreiche Textilmuster erwecken den Eindruck, dass man sich hier in der Werkstatt eines Schneiders befinden müsse. Doch da ist überall das Leder. In vielerlei Farben und Verarbeitungsformen. Gröberes, robustes Zeugleder. Fein gewalktes und mit gleichmässiger Maserung geprägtes Rindsleder. Kunstleder aller Sparten.
Wir befinden uns im Reich von Christoph von Allmen und Selina Tännler. Die beiden gelernten Fachleute für Leder und Textil betreiben gemeinsam die «Sattlerei & Polsterei Bernaco». Das Kleinunternehmen wurde 2010 durch den heute 40-jährigen Thuner gegründet und erhielt 2020 Verstärkung durch seine Mitarbeiterin.
Ein vielseitiges Handwerk für individuelle Bedürfnisse
«Passgenau arbeiten, zuschneiden, nähen, montieren – das sind die Grundlagen unseres Berufs», erläutert der Geschäftsinhaber mit versonnenem Blick auf seine Wirkstätte. Hier werden Bezüge für Fahrzeuge und Inneneinrichtungen gefertigt oder erneuert, Polstermöbel bezogen und restauriert, schadhafte Innenauskleidungen von Autodächern ersetzt, individuelle Polsterungen von Motorradsätteln eingepasst, massgeschneiderte Abdeckhüllen für Fahrzeuge, Boote und Hubschrauber hergestellt. Das Tätigkeitsgebiet der modernen Autosattlerei ist sehr vielseitig und hebt sich deutlich vom ursprünglichen Berufsbild des Sattelmachers ab, denn für den Reitsportbedarf ist heutzutage eine andere Sparte von Spezialisten zuständig. Christoph von Allmen und seine Mitarbeiterin erledigen Aufträge für Firmen aus den Bereichen Transport, Gesundheit, Architektur und Aviatik. Aber auch regionale Autogaragen nehmen ihre Dienste oft in Anspruch. Abgesehen davon kümmern sie sich gerne um die individuellen Bedürfnisse ihrer Einzelkunden. «Letzthin kam ein Motorradfahrer zu mir, der einfach nicht bequem auf seinem Sattel sass», erklärt der Autosattler. «Sein Garagist wollte ihn immer wieder mit der Montage eines anderen standardisierten Sattelmodells vertrösten. Wir haben ihm den Sattel dann so gepolstert und bezogen, dass er ergonomisch genau den Ansprüchen des Fahrers gerecht wurde. Eine andere Kundin weigerte sich, ihre beschädigten Gartenstühle einfach wegzuwerfen und durch neue Standardware zu ersetzen, wie es ihr Händler offeriert hatte. Wir konnten ihr die Bezüge allesamt originalgetreu erneuern.» Das ist es, was Christoph von Allmen an seinem Beruf besonders schätzt: dass er auf die spezifischen Bedürfnisse jedes einzelnen Kunden eingehen kann und niemanden mit Pauschallösungen abfertigen muss. Zudem schätzt er die vielfältigen Einsatzmöglichkeiten seiner Kompetenzen und die Zusammenarbeit mit anderen Profis aus Möbelschreinerei, Restauration und Innenausbau. Wenn es darum geht, neue Projekte zu kreieren und gemeinsam etwas zu entwickeln, dann schlägt sein Herz höher. In der Praxis sei es aber nichtsdestotrotz so, dass Restaurationsaufträge den Grossteil seiner Arbeit ausmachten.
Solide Arbeit und hochwertige Materialien
Was auch immer er in die Hand nimmt, der Autosattler von Belp legt Wert auf Qualität, Ästhetik und Nachhaltigkeit. Wenn er ein altes Stück «für die nächsten Jahrzehnte fit macht», will er solide und gute Arbeit leisten – keine Bastelei. Dazu gehört für ihn eine vertretbare Herkunft der verwendeten Materialien. Rindsleder bezieht er nach Möglichkeit von der Gerberei Zeller in Steffisburg. Da Möbel- und Autoleder in der Schweiz nicht mehr hergestellt würden, müsse er dies im benachbarten Ausland, in Deutschland und Italien, einkaufen, wo nach guten Ökostandards produziert werde. Auch die von ihm verarbeiteten Textilien und Kunstleder stammen allesamt aus europäischer Herstellung.
Christoph von Allmen ist überzeugt, dass es sich durchaus lohnt, ein geliebtes Stück mit etwas Aufwand und qualitativen Materialien wieder herzurichten. Daraus spricht das Bewusstsein für einen nachhaltigen Umgang mit Gebrauchsgütern und für die Wertschätzung der alten Handwerkskunst.
Fachwissen und Erfahrung in der Region bewahren
Der Belper Autosattler engagiert sich dafür, dass generationenaltes Know-how in der Region erhalten bleibt und nicht vorschnell an die industrielle Massenproduktion im fernen Ausland abgetreten wird. Die moderne Konsumkultur dürfe durchaus wieder lernen, sich auf das lokale Potenzial abzustützen anstatt alles nach China auszulagern. So hat der ursprüngliche KV-Absolvent seinen inneren Ruf zur Berufung gemacht: Altes und Kaputtes durch sorgfältiges Handwerk stilvoll und solide wieder zu beleben anstatt es wegzuwerfen und durch industriegefertigte Neuware zu ersetzen. «Das ist ökologisch sinnvoll und behält die Wertschöpfung in der Region», ist Von Allmen überzeugt. «Zudem ist es auch wirtschaftlich interessant. Wenn der Spezialist ein teures Ledersofa für die Hälfte des Anschaffungspreises wieder wie neu aussehen lässt, kommt dies immer noch wesentlich günstiger zu stehen als ein Neukauf.»
Pflege der Tradition und Raum für Neues
Aber was hat all dies nun zu guter Letzt mit der hölzernen Gondelkabine neben dem Eingang des Ateliers zu tun?
«Das ist das Werkstück meiner Mitarbeiterin Selina Tännler für ihre Meisterprüfung», erklärt Christoph von Allmen nicht ohne Stolz. «Ihr schwebt vor, den von einem Schreiner gefertigten Rohbau mit verschiedenen Materialien innen und aussen komplett zu beziehen und auszukleiden.»
So entsteht nach allen Regeln der Sattlerkunst eine ästhetisch gefällige und einzigartige Neukreation. Das originelle Projekt der jungen Autosattlerin aus Belp beweist also, dass es in ihrem Beruf nicht nur darum geht, Altes zu erneuern und wieder aufzuwerten, sondern dass ein traditionsreiches Handwerk durchaus auch ungewohnte und bislang nie dagewesene Blüten treiben kann.