Beltrametti schreibt gerne Kinderlieder. Er nutzt jede Gelegenheit, den Alltag mit seinen eigenen Kindern zu beobachten und in Worte zu fassen. Die Lieder, sagt er, kommen dabei ganz von allein. Silvio Beltrametti erzählt seit dem Jahre 2011 seine eigenen Geschichten und singt seine Lieder an Märkten und diversen Anlässen. Im Frühjahr 2015 nimmt er zum ersten Mal an einem Mittelaltermarkt teil, wo er mit seiner fröhlichen Art Märchen erzählt. «Das het mr dr Ermu ynegnoh u dr Märlin isch gebore!» sagt er. Ab sofort sucht er unaufhörlich nach Sagen und Märchen aus aller Welt und zieht mit seinem Leiterwagen und einem riesigen Schatz an Geschichten als «Märlin» durch die Gegend. Wer weiss, vielleicht begegnen Sie, liebe Leserin, lieber Leser, ihm einmal…
Märchen als Superdoping fürs Gehirn
Die Aufgabe eines Geschichtenerzählers ist es, die in der Geschichte innewohnende «Idee» zu durchdringen und für den Zuhörer und die Zuschauer zum Leuchten zu bringen, beziehungsweise sichtbar zu machen. Und zwar so subtil und so spannend, dass der Zuschauer die Idee, die hinter der Geschichte steckt, aus eigener Geisteskraft erkennt. Und: «Kinder brauchen Märchen! Sie machen stark, machen Mut, machen selbstbewusst – und Märchen können noch vielmehr bewirken!», so Beltrametti begeistert. Märchen bieten auch noch eine Reihe weiterer positiver Effekte für Kinder. So bringt das Erzählen oder Vorlesen Kinder zur Ruhe und lässt sie gleichzeitig aufmerksam und konzentriert werden. Weiter sind Märchen für Kinder ein erster wichtiger Kontakt zur Literatur.
Märchen können Kindern zudem dabei helfen, Probleme im Alltag besser zu bewältigen, und sie regen auch zum Gespräch an: Über Märchen und Geschichten können Lehrpersonen auf sanfte und doch effektive Weise herausfinden, was das Kind bedrückt oder ihm Kummer macht.
Neurobiologe Gerald Hüther bezeichnet Märchen gar als «Superdoping für Kindergehirne», denn sie würden die emotionalen Zentren im Gehirn auf optimale Weise aktivieren. Märchen haben sich über Jahrhunderte hinweg in allen Völkern entwickelt und stellen quasi die gebündelten Erfahrungen der Menschheit in Bezug auf Entwicklungen, Beziehungen und Entscheidungen dar, die das Leben des Einzelnen beeinflussen. Das Kind findet sich von Anfang an erstaunlich gut zurecht in der Welt der Märchen, in der alles möglich scheint,
die beseelt und voller Wunder ist. In der sich ein Tisch ganz von selbst deckt, Sterne als Goldstücke vom Himmel fallen und die vom Wolf bereits verschlungene Beute unversehrt wieder zum Vorschein kommt. Märchen lehren uns, wie wichtig es ist, auf die innere Stimme zu hören und der eigenen Intuition zu folgen.
Der schlafende Riese
Dieses Märchen erzählt Märlin in seiner einzigartigen Art auf YouTube. Mündlich überliefert aus Absam in Tirol, Österreich. Quelle: Ignaz und Joseph Zingerle, Kinder- und Hausmärchen aus Süddeutschland, Regensburg, 1854.
Es schlief einmal ein Riese knietief und schnarchte, dass die Bäume weit und breit zitterten. Da fuhr ein Fuhrmann mit seinem Lastwagen, an dem acht Paar Rosse zogen, des Weges daher und dachte sich: «Das ist heute doch ein Sturmwind, dass die Bäume so sausen.» Als er schon lange gefahren war, kam er zum Riesen, hielt ihn für einen Berg und fuhr darüber. Er fuhr wacker zu und glaubte immer noch, er befinde sich auf dem rechten Weg.
So ging es lange fort, bis er zur Nase des grossen Mannes kam. Da dachte sich der Fuhrmann: Hier sind jetzt zwei Hohlwege, und er wusste nicht, ob er in den linken oder in den rechten einfahren sollte. Endlich meinte er: «Ich wage es einmal und schlage den Weg rechts ein», und er lenkte in das linke Nasenloch des Riesen. Wie er so hineinfuhr, kitzelte das Fuhrwerk den Riesen. Der wachte darob auf, musste niesen und nieste so stark, dass das Fuhrwerk vier Meilen weit davonflog. Das liess sich der Fuhrmann in Zukunft gesagt sein und war mehr auf der Hut.
Und was geschah weiter? Muss ich dir etwas erzählen – von Bohn‘ und Fisälen, von rotzigen Buben – von Kraut und von Ruben?
INFO:
Märlins Youtube-Kanal:
Märlin Geschichtenerzähler