Beginnen wir doch mit der allerersten Geschichte, «bei Adam und Eva»! Sie waren die ersten Menschen und auch das erste Liebespaar. Ohne sie gäbe es uns nicht. Und auch die Menschen nicht, von denen ich nun erzählen möchte.
Ich schrieb den Titel bewusst in Mundart. Der neudeutsche Begriff «We are family» tönt auch gut. Aber muss es wirklich immer Englisch sein?
Beim Stichwort «Familie» kommt mir eine ganz spezielle Geschichte in den Sinn: Es war in Frutigen. Ich stand an der Strasse und schrieb dem Veranstalter per SMS, ich sei angekommen und bereit für den Auftritt. In diesem Moment sah ich, wie drei kleine Kinder auf ihren Bobby-Cars den Weg herunter Richtung Strasse angerollt kamen. Die beiden Grösseren konnten bremsen, das Jüngste nicht. Ich rannte hin und konnte ihm effektiv das Leben retten. Die Mutter meinte nüchtern: «Oh, das het allwäg äso müesse sii», Papa schimpfte bloss. Natürlich erwähnte ich später beim Auftritt nichts von diesem Zwischenfall.
Bei Festen kommen verschiedene Familien zusammen; gleichzeitig bilden alle zusammen eine Gemeinschaft, eine Art Familie. So ergeben sich immer wieder lustige und überraschende Momente.
Auf Anfrage unserer Tochter Cindy spielte ich in Wattenwil den 30-Minüter «Ruedi der Chnächt». Zwischendurch sagte ich, dass ich stolzer Grossvater sei. Cindys Schwiegervater erkannte mich in der Verkleidung nicht und meinte stolz, auch er sei Grossvater. Ich musste schmunzeln, verriet aber natürlich nicht, dass wir beide Grossväter der gleichen Enkelin sind…
Zu einer Familie gehören in der Regel Kinder. Es ist herrlich, wie diese manchmal auf Komik reagieren. Einer meiner Standardwitze ist folgender: Ein Schnupperstift nagelt tannige Riemen auf den Boden, wirft aber die Nägel mit der Spitze nach oben weg, weil die nicht passen würden. Darauf der Chef: «Warum wägschiesse? Die chöi mer dänk morn für d Dechi bruche!» Daraufhin sagte ein etwa Fünfjähriger zu seiner Mutter: «Aber dä hät die Nägu ja chönne umdräie!» Frohes Lachen im Saal.
Und nochmals ein Witz und etwas «aus Kindermund»: Ein gestandener Mann war in 25 Jahren noch nie einer Meinung mit seiner Frau, ausser beim Hausbrand. «I gah afe use», meinte er, worauf die holde Gattin sagte: «Wart, i chume o grad!» Darauf ein kleiner Bub: «Aber wo sie ghürate hei, sy sie sech doch o einig gsii!»
Bei einem Auftritt im Schangnau stiess der Hinweis, dass «dr Chnächt» und der andere Knecht Housi eine Frau suchen würden, auf offene Ohren. Am Schluss meinte ein Besucher: «Suechsch o privat ä Frou? Süsch hätti der de grad iini!»
Es gibt oft Rückmeldungen, die Freude machen. Ein «Kompliment» kam von einem Bébé, das ich auf die Arme nahm und dem ich die Lichtanlage zeigte. «Komisch, sonst fremdet er immer!», staunte die Mutter. Der Kleine sah das für einmal anders.
Am Geburtstag des 80-jährigen Alfred kam ich nach dem «Chnächt» in normalen Kleidern zurück und gratulierte dem Jubilar. «Danke, Danke», meinte dieser, «aber i kenne di nid!» Seine Tischnachbarn schmunzelten, verrieten mich aber nicht.
Etwas Ähnliches ergab sich am Thunersee, als wir im Duo spielten und ich zwischendurch den «Chnächt» machte. In beiden Rollen sagte ich, dass ich aus Gelterfingen komme. Da meinte eine Frau zur Nachbarin: «Du, das isch jetz scho ä Zuefall, dass dr Musiker und dä Chnächt usem gliiche Dorf chöme!» Einmal fragte jemand: «Machet dihr o so schöni Möbu, wie dihr Musig machet?» Ein schönes Kompliment.
Apropos: Der andere «Knecht» in meinem Sketch heisst Housi. Wir sind beide nicht grad die Hellsten. Als Housi einmal klagte, seine Haarbürste habe einen Zahn verloren und er müsse eine neue kaufen, meinte ich, wegen bloss einem Zahn weniger sei das doch nicht nötig. Daraufhin Housi (also eigentlich ich): «Aber äs isch haut äbe dr aueriletscht gsii!»
In jeder Familie gibt’s Ernstes und Fröhliches. So meinte einmal die griesgrämige Frau eines Geburtstagsjubilars am Schluss: «Isch afe guet, geit dä.» Wie in einer Familie darf man nicht immer alles persönlich nehmen. Schön, wenn das Positive überwiegt! Einmal sagte eine Altersheim-Bewohnerin zu mir: «Das Lachen über Ihre Witze hat mir besser getan als mancher Arztbesuch.»
Selbst nach vielen Auftritten repetiere ich den Text und brauche dann auch keinen Spicker. Als eine Frau einmal sagte: «… dass dä Cheib das aus cha bhaute!», hätte ich fast laut herausgelacht.
Wirklich sprachlos war ich bisher selten. Einmal sang ich im Duo «Good Luck Charm» von Elvis. Das rührte eine Witwe zu Tränen, die früher immer mit ihrem Mann z’Tanz gegangen war. Was soll man(n) da sagen? Es gibt Momente, da fehlen einem die Worte. Aber das kommt in den besten Familien vor.
Müsste ich den Begriff «Familie» definieren, würde das in etwa so tönen: Im Idealfall sind die Eltern für die Kinder da, geben ihnen Wurzeln, aber auch Flügel, und stehen auch später mit Rat und Tat zur Seite. Kinder sollen sich zuhause wohlfühlen (dürfen). Es ist wichtig, dass man bei Konflikten offen miteinander spricht. Probleme gehören zum Leben. In Krisen zeigt sich, wie stark die «Familienbande», wie gross der Zusammenhalt ist.
Wenn ich so überlege, gibt es nichts Interessanteres als Menschen und nichts Spannenderes als Geschichten. Bilden wir letztlich nicht alle eine Familie im weiteren Sinn? Ich meine, ich hätte schon den Ausdruck «Menschheitsfamilie» gehört. Der Begriff gefällt mir, weil er aufzeigt, wie es (auch) sein könnte.
Vielleicht können diese Gedanken Mut machen für etwas mehr «Familiensinn» im Miteinander, mehr Akzeptanz und Verständnis füreinander? Vielleicht begegnen wir uns bei Gelegenheit bei einem Anlass. Das könnte den «Familiensinn» stärken. Und vielleicht Stoff für eine weitere Geschichte geben.
Ruedi Wyss, Vater von zwei erwachsenen Kindern, stolzer Grossvater und Familienmensch. Der pensionierte Schreiner ist als «Ruedi dr Chnächt» und als Alleinunterhalter (Tanz- und Hintergrundmusik) an Feiern und Seniorenanlässen gerne «unter Menschen».