Einst wohnte in diesem Haus mitten im wilden Wald ein vierschrötiger Senn, der seine eigenen Wege ging, aber von stiller und friedfertiger Wesensart war. Der örtlichen Klerisei war er ein Dorn im Auge, da er angeblich mit Zwergen und Feen Umgang pflegte, mit seinen Angehörigen am Sonntag aber niemals in der Kirche erschien.
Um diesen Eigenbrötler an seine Christenpflicht zu ermahnen, stattete ihm der Pfarrer von Guggisberg eines Tages einen Besuch ab. Er traf aber lediglich die Kinder des Gesuchten an, welche vor dem Haus spielten. Der Geistliche setzte seine strenge Amtsmiene auf und erkundigte sich nach dem Vater.
«Er ist dort oben unter der alten Tanne beim Gottesdienst», gaben die Kinder treuherzig Auskunft und zeigten gegen das Schärenholz hinauf. Verwundert stapfte der Pfarrer in den dichten Wald hoch, welcher damals noch die ganze Nordflanke von Guggershorn und Schwendelberg bedeckte. Nach einem schweisstreibenden Aufstieg stöberte er den gesuchten Walenhüsler schliesslich auf: Der Senn kniete zwischen den Wurzeln einer urwüchsigen Wettertanne im Moos und schien in eine tiefe Andacht versunken zu sein. Betreten wartete der Pfarrer ab, bis der Waldmann seinen merkwürdigen Dienst beendet hatte.
«Was treibst du hier, mein Sohn?», fragte der Pfarrer schliesslich und deutete missbilligend auf die Holznäpfe voller Milch und Speisegaben, welche am Fuss des Riesenbaumes aufgestellt waren.
«Ich erweise dem Wald meine Ehrerbietung», antwortete der hünenhafte Mann freundlich. «Und diese Gaben sind für unsere guten Nachbarn vom Kleinen Volk, welche uns stets wohlwollend zur Seite stehen.»
«Wäre der geeignete Ort für einen Gottesdienst nicht die Kirche, mein Sohn?», forschte der Pfarrer weiter. «Und weisst du denn nicht, dass das heidnische Gerede von kleinen Wesen im Wald Sünde ist?»
«Mir gelingt es hier am besten, meine Verbindung mit der Schöpfung zu spüren», erwiderte der Walenhüsler feierlich. «Und das Kleine Volk ist allgegenwärtig und lauscht gemeinsam mit mir dem heimlichen Flüstern des Waldes. Überzeugt Euch selbst, gnädiger Herr. Tretet einmal auf meinen linken Fuss und blickt über meine rechte Schulter.»
Der Gottesmann tat wie geheissen und riss erstaunt die Augen auf. Was er in diesem Moment erschaute, übertraf alles, was ihm der Herrgott in seiner unermesslichen Gnade bisher an Visionen geschenkt hatte. Mit Tränen in den Augen erhielt er einen Einblick in jene glückselige und geborgene Welt, in die der Senn vom Walenhus offenkundig eingebettet war.
«Wohl, wohl, ich sehe, du bist mit guten Mächten im Bunde», seufzte er und drückte dem kräftigen Waldhirten die Hand. «Gleichwohl würdest du mir eine grosse Ehre erweisen, wenn du mich zumindest einmal zum heiligen Messdienst ennet dem Berg aufsuchen würdest, mein Sohn.»
Der Walenhüsler sagte es ihm zu und bewirtete ihn hernach auf seine bescheidene Weise in der heimeligen Stube seines Hirtenhauses.
An einem der kommenden Sonntage stieg der Senn in sein vornehmstes Gewand und schritt über den Sattel zwischen den beiden Hügelhöhen zum Kirchgang. Versonnen lauschte er dem Vortrag des Pfarrers und folgte der anschliessenden Einladung des Predigers zum Gespräch in die Sakristei. Noch einmal wollte der Gemeindehirte von Guggisberg einen Versuch unternehmen, sein eigenwilliges Schäfchen zu einer herkömmlicheren religiösen Praxis aufzurufen.
Als der Walenhüsler in die Kammer eintrat, hob er ehrerbietig seinen Hut vom Kopf. Durch das einzige Fenster des Raumes fiel in diesem Moment ein goldener Sonnenstrahl und da der Senn keinen Haken für seinen Hut fand, hängte er ihn kurzerhand an den schimmernden Lichtbalken.
Fassungslos bestaunte der Pfarrer diese neue Demonstration ausserordentlicher Wunderkraft, welche der Waldmann aus dem Walenhus bewies. «Mein Sohn, ich wollte dir nur sagen», stammelte er betroffen, «da ist wohl nichts, worüber ich dich noch aufklären könnte. Du stehst bereits in der höchsten göttlichen Gnade. Geh’ nun in Frieden zu den Deinen und fahre darin fort, Gott auf deine Weise Achtung zu erweisen.»
Der Senn lächelte zufrieden und schüttelte dem verdutzten alten Mann zum Abschied die Hand.
So lebten die Leute im Walenhus weiterhin ihr gutes Leben. Der Hofherr pflegte seine Verbundenheit mit dem Volk der Feen und Zwerge und brachte im Wald gewissenhaft seine Opfergaben. Seine Liebe zu der Landschaft, die er bewohnte, ging so weit, dass man ihn immer wieder voller Ergriffenheit seufzen hörte: «Du meine Güte, es gibt in der ganzen Schöpfung keinen Ort, an dem ich mich wohler fühle als hier am Fuss des Simeliberges. Auf alle Ewigkeit möchte ich am liebsten an diesem Platz bleiben und hier den Lebenskräften dienen.»
Viele Menschen im alten Guggisberg, die sich vor alten Bräuchen und Ansichten nicht scheuten, fanden in dem Walenhüsler einen zuverlässigen und hilfsbereiten Genossen. Andere wichen ihm geflissentlich aus und sagten ihm weiterhin Sünde und Frevel nach.
Über die Lippen des Dorfpfarrers kamen aber keine abfälligen Bemerkungen mehr.
In einem strengen Winter ereilte den Senn vom Walenhaus beim Holzen im Wald sein Schicksal und er verschied eines jähen Todes unter einer stürzenden Tanne. Gemäss seinem zu Lebzeiten ausgesprochenen Wunsch blieb sein Geist aber weiterhin in der Gegend beheimatet, wo er freundlich über Wald und Flur wachte.
Drohte einem Wanderer im Schärenholz Gefahr, warnte der Geistersenn durch einen durchdringenden Jauchzer. Vor abrupten Wetterwechseln oder wenn der erste Schnee im Anzug war, hörte man ihn bisweilen im Wald Holz schlagen.
Lange noch spürten die Einheimischen seine segensreiche Gegenwart «hinter dem Berg», und mancher Jäger oder Kräutersammler fühlte sich im Schärenholz auf wundersame Weise behütet und geborgen.
Frei nacherzählt nach Peter Keckeis