Rückwärts ausgewandert

Rückwärts ausgewandert

Sie ist in Neuseeland geboren, dort aufgewachsen, hat den schwarzen Pass mit dem silbernen Farn und ist Nachwuchs-Nationalspielerin des Inselstaates. Doch seit drei Jahren wohnt die heute 21-Jährige Lara Colpi im Haus ihrer Tante in Guggisberg – und spielt Fussball beim FC Thun. Zwischen Arbeit und Training nimmt sich die Fussballerin Zeit, über die verschiedenen Reisen zu erzählen: die ihrer Eltern, die sie am anderen Ende der Welt zueinanderführte, die ihrer Fussballkarriere, und diejenige, die sie zurück in die Heimat ihrer Mutter führte.

30. Mai 2026, Ancien Stand, Sion: Es läuft die 88. Minute des Spiels zwischen den erstklassigen FC Thun Frauen und dem Nationalliga-B-Team FC Sion Féminin. Selina Ueltschi hat soeben das 1:6 für die Thunerinnen geschossen. Mittelfeldspielerin Lara Colpi jubelt mit. Doch der bange Blick zur Bank prägt die Schlussminuten. Dort verfolgen Staff und Auswechselspielerinnen den parallel verlaufenden Match zwischen dem FC Luzern, auch er in der Axa Women’s Super League, und dem Yverdon Sport FC aus der NLB. Es steht 0:0. Auch als der Schiedsrichter in Sion das Spiel abpfeift und die Thunerinnen sich um die Handys versammeln. Und auch, als sein Kollege in Luzern das Spiel beendet. Yverdon macht den Punkt und steigt auf. Thun hingegen muss den Weg in die NLB antreten.

50 Mal jonglieren für ein Trikot

5. Mai 2005, Auckland, Neuseeland: Ein besonderes Geburtsdatum: Am 05.05.05 kommt Lara Colpi zur Welt. Mutter Verena Colpi-Kämpfer und Vater Christof Colpi bestaunen ihr zweites Kind. Und telefonieren nach Guggisberg, sobald es der Zeitunterschied zulässt. Dann erfahren Colpi-Kämpfers Eltern und Geschwister von der Geburt ihres neuesten Grosskinds bzw. der Nichte. In Neuseeland hatten sich die Eltern kennengelernt, und auf der Insel wollten die Guggisbergerin und der Luzerner bleiben. Sohn André und Tochter Lara wachsen im ruhigen Vorort von Auckland auf, er spielt von klein auf Fussball, seine kleine Schwester begleitet ihn immer mal wieder ins Training. «Das gefiel mir. Zwischendurch gelang es mir, einen Ball zu klauen, dann konnte ich mit meinem Vater schüttele», erzählt Lara Colpi. Bald einmal blieb es nicht dabei. Die junge Lara kam unter die Fittiche von Trainer Kim Biel. Ein Coach, der sie über Jahre gefördert und geprägt habe, wie sie sagt. Eine Anekdote versinnbildlicht das: Vor einer Ferienreise nach Spanien versprach er Lara, ihr ein Fussballtrikot samt Unterschrift mitzubringen, sofern sie bis dahin 50 Mal mit dem Ball jonglieren könne. «Ich war jeden Abend dran», erinnert sie sich. «Wo immer wir waren, ich nahm den Ball mit. Einmal waren wir als Familie bei Freunden zum Abendessen eingeladen. Ich war allein draussen und übte. Plötzlich schaffte ich es und stürmte hinein, um es allen zu berichten. Meine Eltern dachten, ich hätte mich wohl verzählt.» Doch auch das zweite Mal hielt die damals Neunjährige den Ball 50 Mal nacheinander in der Luft. Das Valencia-Trikot mit der Nummer 17, samt Unterschrift von Joaquin Rodriguez, hat sie immer noch. «Lustigerweise spiele ich aktuell sogar mit dieser Rückennummer», fügt sie an.

«Hinech: high hopes»

Das ausgewanderte Schweizer Paar Colpi-Kämpfer spricht daheim schon noch Schweizerdeutsch. Aber immer mehr bürgert sich Englisch als Familiensprache ein. Besonders, seit beide Kinder zur Schule gehen. «Gewisse Begriffe kenne ich aber nur auf Schweizerdeutsch, zum Beispiel Mänteli», sagt die Tochter mit einem Schmunzeln. Sie spricht grösstenteils fliessend Berndeutsch – mit englischem Akzent. Manchmal muss sie nach dem passenden Ausdruck suchen. Und manchmal klingt ihr Berndeutsch, als hätte es die Reise nach Neuseeland konserviert. «Mängi Jahr» etwa sei ihr Juniorinnen-Fussballteam sehr erfolgreich gewesen. «Hinech» könne sie dieses oder jenes nicht mehr erledigen. Oder die Gegnerinnen hätten «unsportsmanlike» gespielt – «es bitzi fräch». Zwischendurch fliessen englische Begriffe ein, für die sie das deutsche Wort nicht kennt. In der U19-WM seien sie mit «high hopes» gestartet. Unter den vielen spannenden Sportarten habe sie den Fussball immer stärker «appreciated (wertgeschätzt)».

USA oder Schweiz?

17. August 2024, Kunstrasenfeld Wyler: Es läuft die Nachspielzeit der 1. Halbzeit. Lara Colpi, Rückennummer 8 bei der U20 der BSC YB Frauen, zieht ab und erzielt das 5:0 gegen den FC Rapperswil-Jona. Seit einigen Monaten lebt die inzwischen 19-Jährige in der Schweiz. Wie kam es soweit? In Neuseeland durchläuft sie in zwei Clubs im Grossraum Auckland sämtliche Juniorenstufen. Meist als einziges Mädchen zusammen mit Teenagerjungs. Sie wird gefördert, spielt in der U17 für Neuseeland, reist mit der U19 an die WM, wird für die U20 aufgeboten. Sie trainiert praktisch jeden Abend, ist ambitioniert. Ein Jahr vor dem Schulabschluss stellt sich die Frage: was danach? Es gibt zwar auch in Neuseeland Förderprogramme für Fussballerinnen. Doch die meisten Talente machen den Schritt in den US-College-Fussball. Sportlerinnen mit europäischen Wurzeln bietet sich zudem die Möglichkeit, in der Heimat ihrer Vorfahren Fuss zu fassen und sich weiterzuentwickeln. Über ihre Tante ergibt sich ein Kontakt zu Rolf Kirchhofer, Sportlicher Leiter der YB Frauen.Während eines Heimataufenthaltes zusammen mit ihrer Mutter kann Colpi zudem Anfang 2023 in Como vorsprechen – und würde einen Vertrag erhalten, sofern sie sofort zusagt. «Ich wollte aber die Schule noch ordentlich beenden», begründet sie ihre Absage. Bei YB macht sie einen guten Eindruck, darf mit der 1. Mannschaft trainieren und mit der U20 Spiele bestreiten. Sie wird sogar eingeladen, für ein Vorbereitungsspiel nach Lyon mitzureisen. «Doch wir wären so spät zurückgekommen, dass ich es nicht mehr nach Guggisberg zur Tante geschafft hätte.» Also darf sie stattdessen mit der 1. Mannschaft zum Freundschaftsspiel gegen den FC Thun. «Dort erlebte ich ein ganz anderes Niveau, das war eindrücklich», sagt sie. Kurz darauf geht die Reise zurück nach «down under». Und ein Jahr später, Anfang 2024, stehen ihr die gelb-schwarzen Türen immer noch offen: Zwar hat sie das Transferfenster verpasst, um mit dem Fanionteam spielen zu können, aber sie darf mittrainieren und wieder bei der U20 spielen. Colpi fühlt sich dort wohl, wünscht sich aber mehr Spielzeit in der obersten Liga. Dank einer Doppellizenz kommt sie so zum Frauenteam Thun-Berner Oberland FTTBO, den heutigen FC Thun Frauen. Auf die Saison 2025/26 schliesslich unterschreibt sie ihren ersten Profivertrag in Thun. Und weil Fussballerinnen in der Schweiz kaum vom Sport leben können, entscheidet sie sich für eine Lehre als Fachfrau Betriebsunterhalt.

Auch das ist eine besondere Geschichte, oder «ä schöni side story», wie Colpi sagt: Während der Pandemiezeit spaziert eine neu ins Aucklander Agglo-Dorf gezogene Schweizer Familie durch das Quartier und entdeckt eine Schweizer Fahne – diese steht im Garten der Familie Colpi. Daraus ergibt sich eine Freundschaft. Als Lara Colpi bereits in der Schweiz lebt, wird sie von einer Freundin dieser Familie zum Abendessen eingeladen. Deren Mann erzählt, dass die Firma, für die er arbeitet, noch niemanden für die freie Lehrstelle gefunden hat. Plötzlich macht es «Klick». Schnell wird allen klar, dass diese Stelle gut zur Fussballerin passen würde, denn sie hat bereits einige Zeit in einem Landschaftsgärtnereibetrieb ausgeholfen und bewegt sich gern. Zudem müssen beim Betriebsunterhalt die Deutschkenntnisse nicht perfekt sein. Viel schneller als erwartet hat sie ihre Lehrstelle. Dank der Berner Talentcard für Spitzensportler sogar im 80%-Pensum, damit neben Lehre, den vier wöchentlichen Abendtrainings und den Meisterschafts- und Cupspielen auch noch ein kleiner Rest an Regenerationszeit bleibt.

Neue Heimat gefunden

Nach dem bitteren und für alle unerwarteten Abstieg hat sich die Mittelfeldspielerin entschieden, in Thun zu bleiben. «Ich habe ein gutes Gefühl, dass wir in ein bis zwei Jahren wieder aufsteigen», zeigt sie sich zuversichtlich. Bei den Oberländer Frauen hat sich in der letzten Zeit einiges getan. Marisa Wunderlin, Direktorin Frauenfussball, ist ein grosser Name im Schweizer Frauenfussball. Trainer Emil Inauen, Sportchefin Lena Schneuwly – und dazu ein Kader, das trotz einigen Abgängen immer noch auf viele Stammkräfte und vielversprechende Verstärkung zählen darf. Die Schwarzenburger Torhüterin Daria Willimann – sie ist sogar entfernt mit Lara Colpi verwandt – trainiert nach ihrem zweiten Kreuzbandriss auch wieder mit der Mannschaft. «Ich bin sehr stolz auf unser Team. Wir machen alles möglich, damit wir bald wieder in der AWSL spielen», so Colpi.

Und wie geht es ihr in der neuen alten Heimat? «Ich habe keine Homesickness bekommen», sagt sie, verspüre also kein Heimweh. Viele ihrer ehemaligen Mitspielerinnen seien wie sie ins Ausland gekommen und hätten bald wieder heimkehren wollen. Doch für sie sei es anders: «Ich habe Tanten, Onkel und Cousins hier. Natürlich vermisse ich meine Eltern und meinen Bruder. Aber ich fühle mich hier sehr wohl.» Durch die Woche schläft sie in einem Zimmer in Bern, am Wochenende lebt sie bei der Tante im Lehn, in Guggisberg. Die Eltern schauen wenn immer möglich den Livestream der Spiele. Im Stadion sind immer mal wieder Verwandte und feuern ihre Lara an. Ihre wenige Freizeit verbringt die am südpazifischen Ozean aufgewachsene Athletin gerne am Thuner- oder Neuenburgersee. «Die Schweiz ist auch sehr schön», betont die Guggisbergerin. Sie sei dankbar, hier könne sie sich sportlich weiterentwickeln und eine gute Ausbildung machen. «Ich schaue nicht viel zurück. Für mich passt es. Wenn es so bleibt, werde ich gerne weiter hier leben.»

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