Bewohnt, bewahrt, beseelt

Bewohnt, bewahrt, beseelt

Vermutlich gäbe es ein Dorf im oberen Gürbetal. Genauso eines, das den Felsen mit der spektakulären Aussicht umschmiegt. Nur: Würden die beiden Ortschaften heute wirklich Wattenwil und Burgistein heissen? Wohl kaum. Die Namen zeugen von den Familiengeschichten auf Schloss Burgistein. Seit dem 13. Jahrhundert. Ein Ort, bei dem es zwar auch um Herrschaft ging, aber seit jeher fast noch ein wenig mehr um Würde und Menschlichkeit.

«Ich bin nicht der Schlossherr», stellt André von Graffenried fest, bevor er die wuchtige Holztüre aufschiebt und zum Besuch bittet. Seit über 300 Jahren gehört Schloss Burgistein der Familie. Mit der Heirat von Juliana von Wattenwyl und Emmanuel von Graffenried 1690 geht das Schloss schliesslich 1715 an die Familie von Graffenried über. Es ist der Beginn einer epochalen Zeit, die bis heute andauert. In Miteigentümerschaft, nur so sei die Kontinuität gegeben, betont von Graffenried.

Bewohnt statt verstaubt

Einige Wendeltreppen später wird man sich dieser Worte gewahr. Was die Familie hier hortet, ist nichts weniger als die authentische, ehrliche und ungeschönte Geschichte eines Schlosses, das heute einzigartig ist. Seit dem 18. Jahrhundert hat die Familie von Graffenried das Anwesen nie geräumt, sondern immerwährend restauriert sowie ausgestattet. Mit Möbeln, Wappen und Familienporträts, aber eben nicht nur. In mühseliger Kleinstarbeit ist auch das Inventar früherer Tage und der Familien von Burgistein sowie von Wattenwyl erhalten geblieben oder wiederbeschafft worden. «Architektur, Aussen- und Innenräume sowie ihre bewegliche und feste Ausstattung bilden ein gewachsenes Ganzes von nationaler Bedeutung», beschreibt der ehemalige oberste Berner Denkmalpfleger Jürg Schweizer. Für André von Graffenried eine Selbstverständlichkeit, auf die man nicht stolz ist, sondern der man sich verpflichtet fühlt. «Nicht als Museum, das Schloss muss bewohnt sein», unterstreicht er. So erinnert das Schloss nicht nur an längst vergangene Tage, sondern trägt deren Bewusstsein immerzu in die Gegenwart.

Der Zweiklang von Schloss und Landwirtschaft

Inzwischen werden die Wendeltreppen immer enger und enden schliesslich unter dem steilen Vollwalmdach, das von weither die Silhouette des Schlosses prägt. Der Blick aus dem einzigen Fenster zwischen den Balken aus dem 16. Jahrhundert mag zwar nur etwas für Schwindelfreie sein, offenbart aber eine Aussicht, wie sie in dieser Gegend nur selten zu finden ist: eine Rundumsicht, so weit das Auge reicht. Dieser Ausblick hat sich seit Jahrhunderten kaum verändert. Wahrlich, Gürbetal, Stockental und die Ausläufer des Gantrischgebiets sind von Zersiedelung und Bausünden weitgehend verschont geblieben. Auch dank der Landwirtschaft, die in dieser Gegend noch tonangebend ist. Kulturlandpflege, Weiden, Hecken und alte Bäume. «Zu jedem Schloss gehören auch ein Gutshof sowie Land», erklärt von Graffenried. Auf Schloss Burgistein ist das bis heute so. Man habe zwar gewisse Flächen abgegeben, aber nach wie vor gehört ein Landwirtschaftsbetrieb mit 35 ha dazu. Genauso wie 50 ha Wald und geschützte Flächen. «Die Landwirtschaft gehört dazu und ist von grosser Wichtigkeit.» Die Dualität von Gutshof und Schloss ist andernorts praktisch ausgestorben. Private wie auch die Kantone haben diese mehrheitlich aufgehoben. Nicht so in Burgistein. Hier bewirtschaftet nach wie vor eine Bauernfamilie die Ländereien des Schlosses in Pacht.

Werte, die bleiben

Je länger die Begehung dauert, desto schmucker werden die Räume. Die Gänge sind gesäumt von Ornamenten mit Pflanzenblättern, die sich durch das ganze Schloss ziehen.

André von Graffenried hält vor der Bibliothek inne. Ein kollektives Gedächtnis voller einzigartiger Schriftstücke. «Das Archiv des Schlosses, das Dokumente vom 14. bis 19. Jahrhundert enthält, haben wir der Burgerbibliothek von Bern übergeben», erzählt der Gastgeber. Doch was hier ist, mag nicht minder wertvoll sein. Etwa im beleuchteten Bücherschrank; daneben die einzigartige Sammlung an juristischen Dissertationen mit über 1500 Titeln. Darunter findet sich unter anderem die Dissertation von Johann Caspar Goethe, dem Vater des Dichters Johann Wolfgang Goethe. Die Bibliothek enthält auch Werke von Montesquieu (1689–1755), dem Wegbereiter der Gewaltenteilung. Wichtige Werke, die den Weg hin zur Demokratie ebneten. So selbstverständlich uns diese Werte heute erscheinen, so viele Todesopfer forderten sie in längst vergangenen Tagen. Was da an Erkenntnissen aus Frankreich heranreifte, ist in der Bibliothek von Schloss Burgistein dokumentiert.

Der Saal, in dem alles zusammenkommt

Es mag vielleicht eine Rolle gespielt haben, dass André von Graffenried den Weg in die Diplomatie wählte und als Schweizer Botschafter in mehreren Ländern amtete. Doch darüber spricht der bescheidene Mann nur wenig, schliesslich steht ja Schloss Burgistein im Zentrum. Nun ebnet sich der Weg in den grossen Saal. Prunkvolle Kassettendecke, ein Hammerflügel und Sitzgelegenheiten, die nach wie vor benutzt werden. Hier stand schon manch ein Mensch von Rang und Namen, Alain Berset etwa oder Simonetta Sommaruga, um nur zwei zu nennen. Doch auch das ist für von Graffenried nicht weiter wichtig. Stattdessen zeigt er auf den Boden. Ein äusserst bescheidener Riemenboden, ab und an von Eichendielen unterbrochen. «Wir sind ein Schloss auf dem Land und so war der Boden schon immer», räumt er wie selbstverständlich ein. Die Verwandlung in den französischen Pomp des 19. Jahrhunderts ging an Schloss Burgistein vorbei und macht es gerade deshalb so authentisch und historisch wertvoll. Die Seele von Gründer Jordan von Burgistein ist genauso präsent wie jene der Familie von Wattenwyl.

Der Besuch von Schloss Burgi-stein ist so, als ob man mit all den Menschen, welche diese Region über Jahrhunderte geprägt haben, sprechen könnte. Ja, sie beobachten einen aus den Bilderrahmen vieler Porträts. Manche düster, manche farbenfroh, genauso wie die Epochen. Man kann Schloss Burgistein kunsthistorisch betrachten, architektonisch oder rein historisch. In Tat und Wahrheit aber würde jede dieser Betrachtungen auf der einen Seite das Auge schärfen, um den Blick auf der anderen Seite zu verschleiern. Schloss Burgistein ist gelebte und fortwährende Familiengeschichte, die eng mit der Region verbunden ist und trotzdem einen Weitblick behält. Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Grösse von Schloss Burgistein. Nicht in seinen mächtigen Mauern, nicht in kostbaren Büchern, Wappen oder jahrhundertealten Möbeln. Sondern in der stillen Selbstverständlichkeit, mit der hier eine Generation der nächsten die Hand reicht. Menschen kommen und gehen, Zeiten ändern sich. Was bleibt, ist die Verantwortung für das, was einem anvertraut wurde. Hoch über dem Gürbetal wird Geschichte deshalb nicht bloss erinnert. Sie lebt. In den Mauern, in den Menschen, in der Landschaft. Und vielleicht liegt darin die schönste Erkenntnis dieses Ortes: Die Geschichte selbst kann man nicht besitzen, sehr wohl aber schreiben. Schön, einen Blick in das kapitelreiche Buch von Schloss Burgistein werfen zu dürfen. Müsste man dem aktuellen Kapitel gar einen Titel verleihen, er möge wohl folgendermassen lauten: Schloss Burgistein – bewohnt, bewahrt, beseelt. Der Familie von Graffenried sei Dank.

 

Zur Geschichte
Schloss Burgistein liegt auf einem markanten Felsen oberhalb des Gürbetals im Kanton Bern. Seine Geschichte beginnt um 1260: Jordan von Thun, der sich später nach seiner neuen Herrschaft «von Burgistein» nannte, liess dort eine Burg errichten. Nach der Schlacht bei Laupen wurde die Anlage 1340 von den Bernern zerstört. Der Überlieferung zufolge erschoss dabei der Armbrustschütze Ryffli den Burgherrn Jordan III.
Die Burg wurde anschliessend wieder aufgebaut. Nach dem Aussterben der Herren von Burgistein im Jahr 1397 wechselte sie mehrfach den Besitzer und gelangte gegen Ende des 15. Jahrhunderts an die Familie von Wattenwyl. Unter ihr entstand im 15. und 16. Jahrhundert im Wesentlichen die heutige Schlossanlage. Besonders bedeutend ist der 1573 errichtete, reich verzierte Erkerturm; im Ostbau befindet sich zudem ein Festsaal mit einer prächtigen Kassettendecke (vermutlich aus den Jahren 1571–1581).
Zu Beginn des 18. Jahrhunderts kam Burgistein durch die Ehe Julianas von Wattenwyl mit Emanuel von Graffenried an die Familie von Graffenried. Schloss und Güter befinden sich bis heute in ihrem Besitz.

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Bewohnt, bewahrt, beseelt

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