Zuhause in der Spätantike

Zuhause in der Spätantike

«Das erste Mal seit Jahrzehnten sind diese Werke unserer Sammlung wieder in der Öffentlichkeit zu sehen», sagt Michael Peter, Kurator der Sonderausstellung in der Abegg-Stiftung. Bis im November zeigt das Museum in Riggisberg Textilien aus dem spätantiken Wohnen. Die farbigen und sorgfältig bearbeiteten Stofffragmente sind nicht nur schön anzusehen, sondern tragen eine facettenreiche Geschichte in sich.

Die Stiftung widmet sich jedes Jahr einem anderen Schwerpunkt und präsentiert Textilien, die sonst im Depot gelagert werden. Viele der gezeigten Wandbehänge, Vorhänge und Polster stammen aus dem 4. bis 7. Jahrhundert und geben einen seltenen Einblick in die Spätantike. Sie erzählen von ästhetischen Vorlieben, gesellschaftlichen Idealen und dem Alltag einer Epoche, in der Textilien weit mehr waren als Dekoration.

Beim Eintritt in die Galerie fällt der Blick sofort auf zwei grossformatige Wandbehänge, die die Seitenwände fassen. Das erste Stück, zugleich das eindrucksvollste der Ausstellung, misst sieben Meter in der Länge und zwei Meter in der Höhe. Es zeigt Figuren aus der altgriechischen Mythologie wie Dionysos und Pan. Musik, Tanz, Erotik und Lebensfreude prägen die Szene. Einige Figuren halten Musikinstrumente, andere tanzen oder greifen nach Wein. «Es erinnert an einen modernen Rave. Es geht darum, gemeinsam zu feiern und einen Zustand der Ekstase zu erreichen», sagt Michael Peter.

Mythologische Figuren als ­Vorbilder

Die mythischen Gestalten sind auf vielen Ausstellungsstücken präsent. Die berühmten Götter und Helden dienten den Bewohnerinnen und Bewohnern als Identifikationsfiguren und als Vorbilder für ein gutes Leben, schreibt die Abegg-Stiftung. Auch die Jagd ist ein wiederkehrendes Motiv. So wie heute eine Jagdtrophäe wie ein Geweih im Wohnzimmer Gesprächsstoff liefert, erfüllten damals Wandteppiche diese Rolle. In der Spätantike versammelte man sich, betrachtete die Darstellungen und erzählte einander Geschichten, die durch die Motive angeregt wurden.

Alle ausgestellten Textilien stammen aus Ägypten. Nur dort konnten sich Stoffe aufgrund des trockenen Klimas über Jahrhunderte erhalten. Wandbehänge, Polster und Decken waren in der spätantiken Innenausstattung weit verbreitet. Sie boten Sichtschutz, Wärme und Komfort und galten zugleich als kostbare Statussymbole. Wer mehrere grosse Behänge oder reich verzierte Vorhänge besass, zeigte damit seinen Wohlstand und seine soziale Stellung. Viele dieser Stücke wurden später als wertvolle Beigaben in Gräbern verwendet.

Liegend auf grossen Polstern essen

Ein besonders markantes Objekt ist ein grossformatiges Polster, das in der Ausstellung präsentiert wird. Solche Polster dienten als Auflage für Liegen in Schlafräumen oder bei Gastmählern. Die Bezüge bestanden meist aus weichen, aber widerstandsfähigen Wollgeweben. «Jeder, der etwas auf sich hielt, musste regelmässig Gäste empfangen oder eingeladen werden», sagt Michael Peter. Geselligkeit war ein zentraler Bestandteil des gesellschaftlichen Lebens und eine Möglichkeit, informiert zu bleiben. Zeitungen gab es nicht, Neuigkeiten wurden im Gespräch ausgetauscht. Der Begriff Pillow-Talk fällt im Gespräch mit dem Kurator nicht zufällig.

Textilien erzählen Geschichten

Jedes Jahr übernimmt eine oder einer der vier Kuratorinnen und Kuratoren die Verantwortung für die Sonderausstellung. Sie wählen die Stücke aus, ordnen sie an und begleiten die wissenschaftliche Aufarbeitung. Im hinteren Teil der Ausstellung finden sich zwei quadratische Fragmente, die zwei der vier Jahreszeiten darstellen. Sie zeigen Pflanzen, Getreide und Naturmotive und verweisen auf die Hoffnung auf gute Ernten sowie auf die Gottheiten, die dafür zuständig waren. Viele Darstellungen lassen sich von links nach rechts lesen. Schriftzüge kommen in der Wirkerei kaum vor, umso stärker wird mit Symbolen und Figuren erzählt. Bilder übernehmen die Funktion von Sprache.

Die Dimensionen vieler Objekte sind beeindruckend. Einige Fragmente ragen über die Betrachtenden hinaus, andere entfalten ihre Wirkung durch harmonische Farben oder ein zurückhaltendes Muster. Die Präzision der Arbeit zeigt sich in jedem Faden und macht sichtbar, welche Bedeutung Textilien im spätantiken Alltag hatten. Zwischen den Vitrinen liegen Lupen bereit. Sie laden dazu ein, tiefer in die Stoffe einzutauchen und die feinen Linien, Figuren und Symbole zu entdecken, die sich erst aus nächster Nähe offenbaren.

Teilen Sie diesen Bereich

Beitragstitel
Zuhause in der Spätantike

Die meistgelesenen Artikel

Kontakt