Wenn Funktionieren nicht reicht

Wenn Funktionieren nicht reicht

Er war ehrgeizig, belastbar und kontrolliert. Bis plötzlich nichts mehr ging. Ein Moment an einem Kundenevent, ein Zusammenbruch im Wald und dunkle Gedanken zwangen Lukas Jampen zum Innehalten. Heute spricht er offen über Depression, Perfektionismus und ein Tabuthema, über das viele aus Scham schweigen.

«Ich war nicht mehr auf meiner gewohnten Flughöhe unterwegs.» Wenn Lukas Jampen diesen Satz sagt, klingt er ruhig, fast nüchtern. Doch was dahintersteckt, hat sein Leben grundlegend verändert. Der Inhaber der Jampen AG in Seftigen erinnert sich an einen Abend im Jahr 2024, an einen Kunden- und Netzwerkanlass. Kurz vor Beginn wird Jampen aufgefordert, mit der Begrüssung und der Vorstellung der Podiumsgäste zu starten. Routine, sollte man meinen. Doch in diesem Moment merkt er, es geht nicht. Er hat nichts vorbereitet. «Früher wäre mir das nie passiert», sagt er. Der Vorfall passt nicht zu seinem Perfektionismus, nicht zu seinem Selbstbild als verlässlicher Macher.

Plötzlich geht nichts mehr

Weitere Warnzeichen folgen. Zu viel Alkohol, zu wenig Schlaf. Nach aussen jedoch bleibt alles scheinbar stabil. Jampen funktioniert weiter, setzt eine Maske auf und lässt sich nichts anmerken. «Ich habe lange geschwiegen, auch aus Scham», sagt er. Der Zusammenbruch folgt im Sommer 2024. Die Gedanken des damaligen Geschäftsleiters werden zunehmend dunkel, Suizidgedanken rücken in den Vordergrund. Körperlich und psychisch ist er erschöpft. «Ich habe alles infrage gestellt. Ich wollte nicht mehr, ich konnte nicht mehr.» Der Notfall- und Krisenpsychologe Jörg Wetzel begleitet Jampen durch diese schwierige Zeit. Wenige Tage später reagiert der Verwaltungsrat und stellt ihn frei. «Mein erster Gedanke war: Jetzt darf ich schwach sein. Der VR übernimmt.»

Rückblickend erkennt der gelernte Zimmermann «Ich habe den Karren überladen.» Hohe Verantwortung im Betrieb, überhohe Ansprüche an sich selbst, zusätzliche Mandate, Beteiligungen, finanzielle Belastungen durch einen privaten Hauskauf. Dazu langanhaltender Schlafmangel, Migräne und starke weitere, körperliche Symptome. Nach dem Zusammenbruch beginnt eine intensive, fragile Zeit. Eine Klinik steht im Raum, doch Jampen entscheidet sich für den ambulanten Weg. «Zuerst musste ich lernen, die Situation anzunehmen und auszuhalten. Erst danach kam die Akzeptanz.»

Weniger ist mehr

Einige Wochen zieht sich Jampen allein in eine Ferienwohnung im Berner Oberland zurück. «In dieser Zeit war das tägliche Schreiben wichtig», erinnert er sich. Begleitet wird er von seinem Hausarzt, seinem Coach und zwei engen Freunden. Die Familie ist überfordert, auch weil sie ihn so nicht kennt. Was Jampen in dieser Phase besonders hilft, ist die Auseinandersetzung mit sich selbst und mit alten Glaubenssätzen. «Von nichts kommt nichts» oder «Indianer kennen keinen Schmerz». Mit Mustern, die ihn jahrelang angetrieben haben. «Ich musste mir meine ganze Geschichte anschauen. Verstehen, warum ich so funktioniere und warum das nicht gesund war.» In der Therapie lernt er, diese Muster aufzulösen. Eine der wichtigsten Erkenntnisse bleibt: Weniger ist mehr. Weniger Erwartungen, weniger Leistungsdruck, weniger Abhängigkeit von äusserer Bestätigung.

Sechs Monate ist Jampen krankgeschrieben und steigt schrittweise wieder ein. Die Geschäftsleitung hat er abgegeben und seine Rolle neu definiert. Heute hört der 37-Jährige bewusster auf seinen Körper, setzt Grenzen und hat gelernt, «Nein» zu sagen. «Es war die härteste, aber wertvollste Weiterbildung meines Lebens», sagt er überzeugt. Seine Erfahrungen hat er in einem Buch zusammengefasst. Nicht, um Geld zu verdienen, sondern um anderen Mut zu machen. Erschöpfung und Depression gelten noch immer als Tabuthemen. Viele leiden im Stillen, aus Angst, als schwach zu gelten. Psychische Erkrankungen sind laut WHO im Jahr 2030 Volkskrankheit Nummer 1. Gerade deshalb will er Präsenz schaffen und das Schweigen brechen. Der Erlös aus dem Buchverkauf geht an einen Verein aus Hilterfingen, der mit dem Schulprojekt Sambia Bildungsarbeit leistet und Menschen in schwierigen Lebenssituationen unterstützt.

Für mehr Menschlichkeit

Abschliessend formuliert Jampen auch eine klare, gesellschaftliche Kritik. «Wir stellen den Erfolg ins Zentrum, nicht den Menschen», sagt er. Der Leistungsdruck sei krankhaft geworden. «Dieses ständige High-Performing, der Optimierungswahn, immer schneller, immer besser, das ist nicht gesund.» Sein Rat an andere Betroffene: «Hilfe annehmen. Ehrlich sein. Nicht alles allein tragen.» Und an die Arbeitswelt gerichtet: «Weniger Maximierungswahn, mehr Mensch. Die Zahlen müssen stimmen. Aber nicht um jeden Preis.»

Zum Buch

«Erschöpft – Bruchlandung mitten ins Leben» ist mit einem Vorwort des ehemaligen Goalies des SC Bern, Marco Bührer, sowie einem Schlusswort der Olympiasiegerin von Tokio im Sportschiessen, Nina Christen, versehen. Beide kennen die psychische Belastung aus dem Spitzensport. Gewidmet ist das Buch dem 2025 verstorbenen Olympia-Notfall- und Sportpsychologen Jörg Wetzel, der sowohl ­Lukas Jampen als auch Marco ­Bührer und Nina Christen über Jahre begleitet hat.

lukas-jampen.ch

 

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