Natürliche Ordnung im Chaos

Natürliche Ordnung im Chaos

Auf der «Wilden Wiese» in Rüschegg Gambach wachsen keine perfekten Rosen, sondern Blumen mit Charakter. Barbara von Holtey produziert regionale Schnittblumen im Rhythmus der Natur und begleitet von Menschen, die sich in Übergängen befinden.

Es summt, raschelt und blüht scheinbar ungeordnet. Wer die «Wilde Wiese» von Barbara von Holtey besucht, merkt schnell: Hier geht es nicht um Perfektion. Zwischen Gräsern, Blumen und Insekten arbeitet die gelernte Gärtnerin an einem Ort, der Produktionsfläche und Rückzugsraum zugleich ist. Entstanden ist das Projekt in Rüschegg Gambach, wo sie mit ihrer Familie lebt. «Mein Garten wird von aussen oft als unordentlich wahrgenommen», sagt sie und lacht. «Genau deshalb habe ich den Namen ‹Wilde Wiese› gewählt.»

Blumen für besondere Momente
Die Naturliebhaberin verkauft nicht einfach Schnittblumen. Sie arbeitet mit Menschen in unterschiedlichen Lebenssituationen. Dazu gehören Gestaltungsworkshops, bei denen Blumensträusse oder Gestecke entstehen. Einen besonderen Platz nimmt die Begleitung von Familien ein, die ein Kind verloren haben. «Sternenkinder, so nennt man Kinder, die während der Schwangerschaft sterben oder still geboren werden», erklärt die Familienfrau. Sie selbst verlor fünf Kinder. «Blumen waren für mich immer heilsam. Sie erinnern daran, dass alles Teil eines Kreislaufs ist. Nach jedem Tief kommt ein Hoch.» Im Zentrum steht dabei das gemeinsame Tun mit Blumen, nicht eine therapeutische Begleitung. Die Arbeit schafft Raum für Erinnerungen, für Stille, für Verbindung.

Vertrauen statt Wunschliste
Die Sträusse von der «Wilden Wiese» sind individuell, saisonal und vergänglich. «Ich kann nie versprechen, welche Farbe oder welche Blumen es gibt», erklärt die zweifache Mutter. «Es gibt das, was die Natur in diesem Moment schenkt.» Wetter, Temperatur oder Schädlingsfrass bestimmen das Angebot. Genau dadurch entstehen starke, charaktervolle Blumen, die im Rhythmus der Natur wachsen durften und ihre ganz eigene Schönheit mitbringen. Dies bedeutet: Vertrauen statt Kontrolle. Farbkonzepte oder garantierte Haltbarkeit gibt es nicht. «Schönheit lässt sich nicht festhalten. Man muss sie im Moment erleben, geniessen und dann wieder loslassen.»

Der Weg zur Wilden Wiese
Schon früh war ihr klar, dass sie mit Pflanzen arbeiten wollte. Geboren in Deutschland, lebte sie einige Jahre in den USA, wo ihr das satte Grün fehlte. Zurück in Europa absolvierte sie ihre Ausbildung im Garten- und Zierpflanzenbau. Das konventionelle Gärtnern erfüllte sie jedoch nie ganz. Zu viel Kontrolle, zu viel Eingriff. Von Holtey bildete sich weiter zur Weddingplanerin und machte sich selbstständig. Mit der Schwangerschaft, dem Umzug in die Schweiz und persönlichen Verlusten veränderte sich der Blick der Deutsch-Schweizerin erneut. Die Arbeit mit Pflanzen wurde zu einem tragenden Element in einer intensiven Lebensphase.

Wenn sich alles fügt
Zum Haus in Rüschegg Gambach gehören ein Garten, ein ehemaliges Bienenhaus, heute genutzt als Workshopraum, und ein Feld in der Landwirtschaftszone. Die Wiese war ausgelaugt, geprägt von der Monokultur. Doch von Holtey vertraute: «Es ist ein Wunder, wie robust die Natur ist. Sie kann sich erholen.» Gedüngt, gespritzt oder bewässert wird auf der Wilden Wiese nicht. Durch Mulchen, Geduld und viel Handarbeit fand der Boden langsam zurück zu seiner Kraft. Heute kehren Würmer, Wiesel, Bienen und Schmetterlinge zurück.

Slow Flowers statt schneller Konsum
Von Holteys Arbeit folgt dem so­genannten Slow-Flower-Ansatz. Die Blumen wachsen im Freiland, in ihrem eigenen Rhythmus. Im Winter gibt es ausschliesslich Trockenblumen. «Nicht alle können mit dieser Wildheit umgehen», sagt sie. Ihre Kundschaft wisse jedoch, worauf sie sich einlasse: auf krumme Linien und das Unperfekte. Wildblumen sammelt die Gärtnerin mit Bewilligung im Gantrischgebiet. Etwa am Gurnigel. «Dort komme ich zur Ruhe», sagt sie. Die Region erlebt sie als bodenständig, offen und innovativ. Anfangs sei sie vereinzelt belächelt worden, doch der Austausch mit Bauern, Gemeinden und dem Naturpark habe Lösungen ermöglicht. Von Naturhecken bis zu Schutzmassnahmen gegen Wildverbiss. Die Ideen wachsen weiter. In Laupen wird im September 2026 ein Geschäft mit integriertem Café entstehen. Noch ist nicht alles spruchreif, aber vieles bereits konkret. Der grosse Zuspruch aus der Region sowie die Nominierung für den Innovationspreis des Naturparks Gantrisch in der Kategorie «Natur & Landschaft» bestätigen ihren Weg. Belehren will sie dennoch nicht. «Es gibt nicht nur den einen richtigen Weg. Mein Motto ist: Leben und leben lassen. So entsteht schlussendlich Vielfalt. Das gilt für Menschen genauso wie für Blumen.»

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Beitragstitel
Natürliche Ordnung im Chaos

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