Als die Römer vor zweitausend Jahren über die Alpen vorrückten, trafen sie in unserem Land eine urwüchsige, von dichten Urwäldern überwachsene, von Sümpfen und wilden Flussläufen durchzogene Landschaft an, welche von Bären, Urochsen und keltischen Jägern durchstreift wurde. Nach der Überlieferung legten die gut organisierten Eroberer aus dem Süden mit ihrem strategischen Ordnungssinn eine Strasse durch die «Silva nigra», den Schwarzen Wald am Fuss der Gantrischberge, an, welche die wichtigen Alpenpässe des Oberlandes mit dem damaligen Verwaltungszentrum in der Westschweiz verband. In der Nähe der heutigen Grasburg querte diese Verkehrsader die Senseschlucht. Ein restaurierter Abschnitt des sogenannten «Römerweges» kann noch heute westlich von Schwar-zenburg besichtigt werden. Ansonsten scheint unsere Gegend, abgesehen von einigen Wechselstationen und Gutshöfen, in jener frühen Zeit kaum erschlossen gewesen zu sein, auch wenn die Volkssage behauptet, im Gebiet von Elisried soll bereits in altersgrauen Zeiten eine grosse «Heidenstadt» gestanden haben.
Grenzöde zwischen Burgund
und Alemannien
Mit dem Rückzug der römischen Staatsgewalt aus den Gebieten nördlich der Alpen setzte die Epoche der Völkerwanderung ein, welche durch viele Umwälzungen gekennzeichnet war. Im Gebiet zwischen Aare und Saane prallten damals die stark romanisierten Burgunder, vom Genferseegebiet herkommend, mit den germanischen Alemannen zusammen, welche von der Bodenseegegend in das nunmehr herrenlose Mittelland vorrückten. Da sich die beiden Volksgruppen kulturell und religiös erheblich voneinander unterschieden, etablierten sie im Grenzgebiet zwischen ihren beanspruchten Territorien eine neu-
trale Pufferzone: das spätere Üechtland. Aufgrund seiner schwierigen Zugänglichkeit war dieses Niemandsland ohnehin nicht von erstrangigem Interesse für die neuen Kolonisatoren. Hier unterblieb also lange Zeit eine systematische Rodungs- und Siedlungstätigkeit, was dem Landstrich seinen unberührten und wilden Charakter viel länger bewahrte, als dies anderswo der Fall war. In lateinischen Quellen des Hochmittelalters wird dieses unbewohnte Grenzland Nuithonia genannt, eine Bezeichnung, die vermutlich keltischen Ursprungs ist. Als sich die alemannische Sprache immer mehr durchsetzte, wurde daraus Nuithland, später Nüechtland oder eben Üechtland, ein geografischer Begriff, der bis in die Neuzeit hinein bekannt ist.
Mönche machen die
Wildnis urbar
Im Jahr 1075 vermachte der lokale Adlige Luitold von Rümligen dem aufstrebenden Cluniazenser-orden aus Frankreich die «Wüstenei am Mons Guccha» zusammen mit vielen umliegenden Gebieten als Grundbesitz für das neugegründete Kloster Rüeggisberg. Vermutlich ging es damals nicht nur darum, das Land urbar zu machen, sondern auch, den dort ansässigen «Heidenmenschen» den christlichen Glauben aufzuzwingen. Denn in dem dünn besiedelten Üechtland hatten sich infolge seiner Abgeschiedenheit zahlreiche urtümliche Bräuche und Vorstellungen aus der alten keltisch-germanischen Tradition erhalten. Die Mönche waren im hohen Mittelalter vielerorts Pioniere der kulturellen Durchdringung und der landwirtschaftlichen Erschliessung, und unter ihrer tüchtigen Führung machten sich die Bauern und Hirten das Land allmählich untertan, gemäss der damals aufkommenden Anschauung, dass «die Erde und alles, was darinnen ist, dem Menschen von Gott gegeben ist». Mit dem Aufblühen der Zähringerstädte Bern, Freiburg und Thun und infolge des anwachsenden Land- und Ressourcenbedarfs ihrer Bewohner wurde die ursprüngliche Waldwildnis immer mehr zurückgedrängt, wurden die Sumpfgebiete entwässert, die wilden Flüsse gebändigt. Der Mensch begann, dem «Schwarzen Wald» seinen Stempel aufzudrücken.
Schwer zugängliche Randregion
Obwohl der Wald zunehmend ausgerodet und zu Acker- und Weideland umgewandelt wurde sowie überall Siedlungen und Strassen entstanden, blieb das Üechtland noch bis in die Neuzeit unwegsam, denn seine zahlreichen Schluchten bildeten nach wie vor schwer überwindbare Hindernisse. Der Bau von Brücken schloss die Hügellandschaft zwar an das Verkehrsnetz an und verband es mit den umliegenden Städten, doch erst mit dem Bau der Hochbrücke über das Schwarzwasser und mit der Einrichtung der Eisenbahnlinie nach Schwarzenburg hielt die «grosse, weite Welt» Einzug in der Region. Heute hat hier niemand mehr das Gefühl, in einer abgeschiedenen Wildnis zu leben. Und dennoch: Könnte es sein, dass ein Anhauch von Abgelegenheit und Ursprünglichkeit immer noch nicht ganz aus der Gegend verschwunden ist? Aber gibt es denn heutzutage noch echte Wildnis am Gantrisch?
Ein wildes Adergeflecht
Vom Menschen ungenutzte und unbeeinflusste Areale sind heute im Üechtland kaum noch zu finden. Selbst die ausgedehnten Waldungen am Nordhang der Gurnigelkette (notabene die grösste zusammenhängende Waldfläche im Kanton Bern) entstammen aufwendigen Aufforstungskampagnen des ausgehenden 19. Jahrhunderts, welche notwendig geworden waren, um die fortschreitende Bodenerosion an den abgeholzten Hügelflanken einzudämmen und den daraus resultierenden Unwetterschäden in den Niederungen Einhalt zu gebieten. Wo er nicht durch jüngst eingerichtete Reservate geschützt ist, wird der moderne Wald am Gantrisch intensiv genutzt. Auch das voralpine Gelände auf den Höhen der Fluhberge ist stark durch die alljährliche Viehsömmerung geprägt. Anders sieht es dagegen in den tiefen Schluchten und Bachgräben aus, welche das Gebiet seit jeher dominieren. Dort hat die naturgegebene Unzugänglichkeit eine menschliche Nutzung über Jahrtausende massiv erschwert oder gar verunmöglicht. Selbst für den einst geplanten Bau von Kraftwerkanlagen erwiesen sich die Wassermengen von Sense und Schwarzwasser als zu gering. Heute stehen diese einmaligen Auenlandschaften grösstenteils unter Naturschutz. Im imposanten Schluchtensystem mitsamt seinen stillen Seitenzweigen regiert noch immer die Natur. Die Gewässerdynamik ist hier keinen künstlichen Regulationen unterworfen, die Wasserläufe sind über weite Strecken unverbaut, der Wald an den steilen Hanglagen kaum bewirtschaftet. Vielerorts führen nicht einmal gangbare Wege hindurch. Die Region verfügt immer noch über ein ökologisch aussergewöhnlich intaktes Gewässernetz. Die Sense gilt nach einer Studie des WWF aus dem Jahr 2011 sogar als natürlichster Fluss im nördlichen Alpenraum. Demnach können die tief eingeschnittenen Wasserläufe noch heute als die wilden Adern des Üechtlandes betrachtet werden, die uns nach wie vor einen Eindruck jener ursprünglichen, ungezähmten Kräfte vermitteln, welche bereits zur Zeit der Kelten und Römer durch die Wildnis von Nuithonia strömten.