Unkontrollierbare Naturkräfte

Unkontrollierbare Naturkräfte

Wildnis spaltet die Geister. Bei den einen löst sie Faszination und Sehnsucht aus. Andere bestehen auf einem konsequenten Management der Natur. Wie weit hat sich der moderne Mensch heute von seinen natürlichen Grundlagen abgekoppelt? Und inwiefern beeinflussen ungehindert waltende Naturkräfte unser physisches und seelisches Wohlbefinden? Sind wir womöglich gar existenziell auf das Wilde angewiesen?

Zunächst: Wo beginnt überhaupt Wildnis? Ist ein brachliegender Garten bereits Teil davon? Ein entwurzelter Baum im Wald, der nicht weggeräumt wird? Oder braucht es dafür ausgedehnte unberührte Areale wie im Schweizer Nationalpark, wo ganze Täler und Bergketten sich selbst überlassen bleiben?
Nach einer Definition von Mario Broggi, vormals Leiter der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL), wird «unter Wildnis jener Raum verstanden, in dem wir jede Nutzung und Gestaltung bewusst unterlassen, in dem natürliche Prozesse ablaufen können, ohne dass der Mensch denkt und lenkt, in dem sich Ungeplantes und Unvorhergesehenes entwickeln kann.»

Wildnis und Naturschutz
Gibt es in der dicht besiedelten und intensiv bewirtschafteten Schweiz überhaupt noch solche Gebiete? Hierzulande existieren derzeit gut 1000 grosse und kleine Naturschutzgebiete auf einer Fläche von insgesamt 742 km². Dazu kommen ca. 1250 km² Waldreservate (Stand: Oktober 2025). Zusammengenommen machen diese Schutzzonen 5 % unserer Landesfläche aus. Als Wildnisgebiete im Sinn der oben erwähnten Auslegung kommen die meisten dieser Reservate jedoch nicht in Frage, da in ihnen regelmässig künstliche Pflegemassnahmen ausgeführt werden, um z. B. Moorflächen oder Trockenwiesen vor Überwucherung zu schützen. Solche Eingriffe folgen einem konservierenden Naturschutzprinzip, das heisst, bestimmte Lebensräume sollen erhalten, ausgewählte Tier- und Pflanzenarten gezielt gefördert werden. Würde der Mensch jeglichen Eingriff in die Landschaft unterlassen, wäre an den meisten Orten in unserem Land eine zunehmende Bewaldung die Folge; denn der Wald ist in der Schweiz bis in subalpine Lagen der vorherrschende natürliche Vegetationstyp, überall dort, wo karge Böden oder Gewässer seine Ausbreitung nicht verhindern.
Damit sich Wildnis im eigentlichen Sinn einstellen kann, setzen Naturwissenschaftler heutzutage einen umfassenden Prozessschutz voraus, der im Gegensatz zum klassischen Artenschutz nicht bloss auf einzelne Tier- und Pflanzenarten fokussiert ist, sondern Ökosysteme als Ganzes einschliesst, mit allen in ihnen waltenden, natürlichen Dynamiken wie schwankenden Wasserständen, Windwürfen, Murgängen, natürlicher Zersetzung und Wiederbesiedlung. Das einzige Schutzgebiet in der Schweiz, auf welches diese Anforderungen mehrheitlich zutreffen, ist der Nationalpark im Engadin. Er unterliegt nach internationaler Klassifizierung den strengsten Schutzkriterien.

Der Mensch und das Wilde
Die Auffassung, dass sich der Mensch gegen die Natur behaupten und sich seine Vorherrschaft in ständigem Abwehrkampf gegen schädliche Umwelteinflüsse sichern müsse, ist in unseren Köpfen seit Generationen festgeschrieben und bestimmt unseren heutigen Umgang mit der natürlichen Welt in allen Bereichen. Dies war beileibe nicht immer so, wie ein kurzer Einblick in die menschliche Kulturgeschichte zeigt:
Über hunderttausende von Jahren streiften unsere Vorfahren nämlich als Jäger und Sammler durch eine ungezähmte Landschaft und betrachteten sich als Teil der lebendigen Welt. 40’000 Jahre alte Höhlenmalereien zeugen davon, dass diese archaischen Wildbeuter die Naturkräfte verehrten und durch schamanistische Praktiken mit ihnen kommunizierten. Erst mit seiner Sesshaftwerdung vor 7000 Jahren, mit der Entwicklung von festen Siedlungen, Feldbau und Tierzucht, begann sich der jungsteinzeitliche Mensch erstmals von seiner Mitwelt abzugrenzen, indem er den von ihm gehegten Kulturraum als geschützte Blase innerhalb einer unkontrollierbaren Wildnis wahrnahm. Bis dahin hatte Mutter Erde stets als grosszügige Spenderin von Nahrung und Ressourcen gegolten, doch nun begann sich im Bewusstsein der ersten Bauern und Hirten die Vorstellung auszubilden, dass die Natur in Konkurrenz zu ihnen stünde. Je stärker der Mensch das Konzept von Grundbesitz entwickelte und sich in zunehmend komplexeren Gesellschaftsformen organisierte, desto mehr spaltete er sich von seinen natürlichen Grundlagen ab und stellte seine Bedürfnisse über diejenigen der Natur. Die monotheistischen Religionen formulierten schliesslich den von Gott gegebenen Allmachtanspruch des Menschen über den Rest der Schöpfung als geistige Maxime: «Mach dir die Erde untertan.» Im Zug der neuzeitlichen Hexenverfolgung wurden die letzten Überreste jenes mythologischen, alten Weltbildes, welches auf Verbundenheit und Koexistenz mit allem Natürlichen gründete, ausgemerzt – und mithin die Bahn geebnet für das Zeitalter der Aufklärung. Der naturwissenschaftliche Reduk-tionismus simplifizierte die Natur zu einem mechanischen Gebilde, welches durch einen intellektuell überlegenen Menschen reguliert werden muss. Der Homo sapiens wurde zum Mass aller Dinge.

Wie das Leben eigentlich gedacht wäre
«Wildnis ist eine Absage an die Arroganz des Menschen.» So postulierte der amerikanische Forstwissenschaftler und Wildbiologe Aldo Leopold zu Beginn des vorigen Jahrhunderts, als er im Auftrag der US-Regierung nach Gründen für den massiven Artenrückgang in den südlichen Rocky Mountains forschte. Nach seiner Auffassung stellte die Schaffung eines landesweiten Netzwerks von grossflächigen Wildnisgebieten die einzige Möglichkeit dar, um die Vitalität des Landes und seiner natürlichen Systeme nachhaltig zu sichern; denn nur dort, wo der Natur um ihrer selbst ein Existenzrecht zugebilligt wird und wo sie sich unabhängig von menschlichem Kalkül entfalten kann, führt sie dem Menschen vor, wie das Leben auf diesem Planeten eigentlich gedacht wäre. Viele namhafte Nationalparks der USA wurden auf seine Anregung hin gegründet. Seine Pionierarbeit ebnete überdies einem neuen Feld ökologischer Forschung den Weg, welches Ökosysteme nicht länger als Gemenge einzelner Arten innerhalb eines bestimmten Lebensraums betrachtete, sondern als komplexes Gewebe von Lebewesen und Umweltfaktoren, welche in ständiger Interaktion miteinander stehen und ein organisches Ganzes bilden.

Wildnis zulassen
Kontrolle aufzugeben und den Naturkräften freie Zügel zu lassen, fällt uns Kindern der westlichen Industriegesellschaft schwer. Die fortwährende Angst vor Verlust, Benachteiligung und Schaden beeinflusst unseren Umgang mit der Natur massgeblich. Der moderne Mensch scheint besessen von der Vorstellung, dem Leben seine eigene Ordnung aufzwingen und das Naturgeschehen mit all seinen unkalkulierbaren Aspekten optimal regulieren zu können. Je länger, desto mehr leiden wir jedoch auch an der Aussichtslosigkeit dieses verbissenen Paradigmas. Denn wo Berge ins Rutschen geraten, Stürme toben und entfesselte Fluten heranrollen, sieht sich der Mensch stets in die Rolle des Schwächeren gezwungen. Selbst unsichtbare Mikroorganismen sind in der Lage, Bienenvölker und Bäume ernsthaft zu bedrohen oder ganze Gesellschaftsordnungen binnen kürzester Zeit auszuhebeln.
Wieder mehr Wildnis zuzulassen, könnte insofern auch als eine Einladung verstanden werden, unseren totalen Sicherheitsanspruch ernsthaft zu hinterfragen und stattdessen ein gesundes Urvertrauen in die Gesamtheit der Lebenssysteme zu nähren. Anstatt alles schonungslos zu bekämpfen, was unsere Vormachtstellung ins Wanken bringt, könnten wir dem umfassenden Gewebe des Lebens neuerlich Demut und Achtung erweisen. Dann mag es durchaus möglich werden, dass wir in einer Zeit zunehmender Verunsicherung auf ökologischer, sozialer und wirtschaftlicher Ebene hinter dem angstvoll gemiedenen, grün wuchernden Hag, der das Kulturland von der Wildnis scheidet, wieder eine uralte Weisheit entdecken. Eine Weisheit, welche uns Menschen zeigt, welche Rolle uns in diesem von grosszügigen Naturkräften wohlwollend gesegneten Land eigentlich zugedacht wäre.

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Unkontrollierbare Naturkräfte

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