In Rüeggisberg lebt es sich gut

In Rüeggisberg lebt es sich gut

Vor dem Bürgerkrieg in Sri Lanka geflüchtet, einer Gemeinde in der Schweiz zugeordnet und für immer geblieben. Das ist die Geschichte zweier tamilischer Familien, welche sich in den 90er- Jahren in Rüeggisberg niedergelassen haben. Von der anfänglichen Sprachbarriere bis hin zum eigenen Hausbau haben sie viel erlebt. Sie sind verwurzelt mit der Schweiz und schätzen ihre Schönheit.

Drei Tamilen leben mit ihren Familien seit vielen Jahren in Rüeggisberg. Der bekannteste von ihnen ist wohl Ketheeswaran Kasinathan, genannt «Khetys», der Wirt des Gasthofs Sternen in Oberbütschel. Die beiden anderen geben hier einen Einblick in ihre Familiengeschichten. Heute leben Sasikaran Mahalingam und Srikantharasa Ariyaputhiran mit ihren Familien ein ruhiges, erfülltes Leben in Rüeggisberg. Sri erkundet mit seiner Frau oft die Umgebung mit dem Fahrrad und liebt die weiten Hügel rund um das Dorf. Sasi trifft sich einmal wöchentlich mit Freunden zum Jassen. Beide Männer gehen gerne wandern und schätzen die Landschaft, die ihnen längst zur Heimat geworden ist.

Ihre Geschichte beginnt jedoch weit entfernt von Rüeggisberg. Von 1983 bis 2009 herrschte in Sri Lanka ein Bürgerkrieg zwischen der Regierung und tamilischen Befreiungskämpfern. In den 90er Jahren eskalierte der Konflikt besonders stark. Zivilpersonen wurden angegriffen, ganze Regionen blockiert und der Alltag war geprägt von Angst und Unsicherheit. Viele Tamilinnen und Tamilen flohen damals nach Europa. Die Schweiz nahm mehrere tausend Geflüchtete auf und verteilte sie auf Gemeinden im ganzen Land, weil die Kantone verpflichtet waren, Asylsuchende gleichmässig unterzubringen. So kamen auch Sasikaran, genannt Sasi, und Srikantharasa, genannt Sri, fast zur gleichen Zeit in die Schweiz.

Beide Männer mussten alles Bekannte hinter sich lassen. Für ihre Eltern war es eine Frage der Sicherheit. Sie wollten ihre Kinder in einem Land wissen, in dem kein Krieg herrschte und keine Gefahr vor Tod bestand. Sasi kam 1989 als 17-Jähriger in die Schweiz. Der Entscheid, Sri Lanka zu verlassen, fiel schnell. Er reiste als Einziger der Familie mit wenigen anderen aus seiner Region ab. Die Schweiz war ihm völlig unbekannt. Nur eine Cousine, die bereits seit vier Jahren hier lebte, gab ihm eine vage Vorstellung davon, wohin er reisen würde. In der Schule hatten sie zwar Geografieunterricht, doch gelernt wurde vor allem über Indien und China. Sasi reiste im Februar mit wenig Gepäck und ohne Jacke ein.

Für Sri war es ähnlich. Er kam im November 1990 in die Schweiz, ebenfalls von der Familie geschickt und allein. Ohne das Klima oder die Sprache zu kennen, kam er an. Sein erster Eindruck war, dass etwas mit der Vegetation nicht stimmen konnte, weil die Bäume keine Blätter trugen. Vom tropischen Inselstaat in die kalte, nasse Schweiz zu kommen, war eine grosse Umstellung für den damals 20-Jährigen. Trotz der schwierigen ersten Wochen blickt Sri mit grosser Dankbarkeit zurück. Er war froh, in der Schweiz einen sicheren Ort gefunden zu haben, wo er verweilen durfte.

Unter vielen Leuten und doch allein

Die ersten Wochen waren für beide Männer herausfordernd. Kontakt zu anderen Personen entstand schnell über die gemeinsamen Aufenthaltsorte. Sasi war anfangs verunsichert. Er sagt: «Ich hatte starkes Heimweh. Alles war neu und ich fühlte mich allein.» Zwar machte er positive Erfahrungen mit anderen Menschen und erhielt Unterstützung, doch für einen jungen Erwachsenen war der Schritt in ein unbekanntes Land überwältigend. Die grösste Herausforderung war die Sprache. Beide sprachen kaum Englisch und Deutsch kannten sie überhaupt nicht. Bei Sri stand nach einem Monat fest, dass er in den Kanton Bern musste. Zuerst hatte er dort keinen festen Schlafplatz. Während eines weiteren Monats war er tagsüber in Bern, abends fuhr er nach Basel, wo er bei Bekannten übernachten konnte. Diese Zeit beschreibt er als besonders unsicher.

Die Betreuenden vermittelten ihn schliesslich in die Gemeinde Rüeggisberg. Zuerst wurde er im alten Schulhaus untergebracht, zusammen mit fast zwanzig anderen Geflüchteten. Nach vier Monaten bekam Sri Arbeit. Er war zuerst als Pflegeassistenz im Spital in Riggisberg tätig, absolvierte später eine Ausbildung als Pflegearbeiter und hat heute einen Job in der Stiftung Olaf Asteson in Hinterfultigen für Menschen mit Beeinträchtigung. Bei Sasi dauerte alles etwas länger. Er war vier Monate in Basel, St. Gallen, Biel und dann in Burgdorf ohne feste Aufgabe, bevor auch er nach Rüeggisberg kam. Dort lernten sich die beiden Familienväter kennen. In ihrer ersten Zeit hier belegten sie Deutschkurse, arbeiteten und unternahmen hin und wieder etwas gemeinsam oder mit anderen Geflüchteten und Dorfbewohnern. Sasi erinnert sich daran, wie er als junger Erwachsener mit ein paar anderen Gärten in der Gemeinde gejätet hat. Dafür erhielten sie jeweils zwanzig Franken. Besonders in Erinnerung geblieben ist ihm die Nachbarin Erika, welche die Kleider der Bewohner des alten Schulhauses gewaschen hat. Diese Geste hat er nie vergessen.

Neues Leben aufbauen

Der 57-jährige Sri lobt die Gemeinde Rüeggisberg. Die Nachbarschaft ist gut und sie fühlen sich wohl. Das zweistöckige Haus, in dem er heute mit seiner Frau lebt, haben sie selbst bauen können. Es steht auf einem Grundstück der Gemeinde und sie haben einen grossen Garten, in dem sie Gemüse anpflanzen. Beide Männer lebten zwischendurch in umliegenden Ortschaften, bevor sie sich in Rüeggisberg endgültig niedergelassen haben. Sri gründete seine Familie in Hinterfultigen, bevor er zurückkehrte. Sasi wohnte wegen der Arbeit während sechs Jahren in Riggisberg und zog später wieder zurück.

Sri kannte seine Frau Rajini bereits aus Sri Lanka. Ihre Familie lebte im Dorf nebenan. In der Schweiz fanden sie sich wieder, als sie ein Jahr später einreiste. Ihre erste gemeinsame Zeit wurde jedoch von einer grossen Hürde überschattet. Seine Frau wurde nach Deutschland abgeschoben und war damals mit ihrem ersten Kind schwanger. Sri durfte nicht ins Ausland reisen und konnte sein Neugeborenes und seine Frau ein Jahr lang nicht sehen. Telefonischer Kontakt war nur über Münztelefone möglich. Rajini durfte in Deutschland nicht arbeiten und verbrachte die meiste Zeit mit dem Kind in Asylheimen. Die Gemeinde Rüeggisberg und die Heimleiter vom Olaf Asteson Haus setzten sich für die junge Familie ein, sodass sie schliesslich wieder vereint wurde. Jetzt sind Tochter und Sohn beide ausgezogen. Die Tochter macht an der ETH Zürich ihren Master. Sein Sohn ist beim Kanton Bern angestellt.

Auch Sasi kannte seine Frau aus der alten Heimat. Er traf sie bei Bekannten in Zürich wieder, sie kamen sich näher und dann heirateten sie mit 26 Jahren. Beim heute 54-Jährigen gab es keine grösseren Komplikationen. Sie zogen zwei Kinder gross, die heute erwachsen sind und beide arbeiten. Sasis Sohn ist Informatiker beim Bund und macht seinen Bachelor. Seine Tochter ist als Fachperson Gesundheit ausgebildet. Vater und Tochter arbeiten aktuell beim selben Arbeitgeber, denn seine Tochter ist im Pflegeheim Schlossgarten in Riggisberg tätig, wo Sasi seit Jahren als Putzkraft arbeitet.

Gemeinsame Sache

Die beiden Familien waren, als die Kinder noch kleiner waren, viel stärker miteinander verbunden. Man sah sich bei schulischen Anlässen und bei ausserschulischen Aktivitäten. Früher gingen die beiden Familien sogar gemeinsam in die Skiferien. Heute sehen sie sich nicht mehr ganz so oft. Sri wirkt sehr ausgeglichen und ist besonders stolz auf seine Arbeit. Auf die Frage, ob er etwas an Sri Lanka vermissen würde, zieht er die Schultern hoch und sagt: «Ich lebe schon mehr als die Hälfte meines Lebens in der Schweiz. Ich fühle mich hier zuhause». Sasi geht es ähnlich. Er hat eine offene, lustige Art und schaut stets nach vorne. Heute leben sie sehr zufrieden. Trotz Widrigkeiten haben sich die beiden Männer mit ihren Familien gut eingelebt und blicken auf ein erfülltes Leben zurück. Ihrer erweiterten Familie geht es ebenfalls gut, sei es in Sri Lanka, Frankreich, England oder Kanada. Seit sie hier sind, haben sie ihre Familien in Sri Lanka schon oft besucht.

Sie sind gekommen, um dem Krieg zu entfliehen, und geblieben, weil sie in der Schweiz ein Zuhause gefunden haben, das sie bis heute trägt.

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