Im letzten Jahr lernten wir das Homeoffice, Onlinekurse, Zoombesprechungen, Fernworkshops kennen. Da spielte es keine Rolle, ob man im Stadtzentrum war oder «ab vom Schuss». Löst die Digitalisierung die Ortsgebundenheit – meist ein Zentrum – auf, und ist das für weniger besiedelte Gegenden wie die Region Gantrisch von Vorteil?
Solche Fragen wurden im August 2018 zum Gegenstand einer Veranstaltung des Bundesamts für Raumentwicklung ARE und des Kompetenzzentrums Mobilität der Hochschule Luzern – Wirtschaft.
Coworking auf dem Land
Nach den letzten drei Umgestaltungen der Arbeitswelt – Industrialisierung, Massenproduktion, Globalisierung – folgt nun die Digitalisierung. Die räumliche Zentralisierung verliert an Bedeutung. Wer seine Arbeit (hauptsächlich) am Computer verrichtet, kann dies von fast überall tun und temporär nutzbare Räumlichkeiten, sogenannte Coworking Spaces, werden zunehmend genutzt. Die Bevölkerung des ländlichen Raums kann somit vermehrt lokal leben und arbeiten, lange Arbeitswege fallen weg, es können sich sogar neue berufliche Perspektiven auftun. Abgelegene Gemeinden werden als Wohnort attraktiver, damit einher gehen notwendige Dienstleistungen wie Kinderbetreuung oder Verpflegungsangebote, die wiederum neue Arbeitsplätze schaffen und Wertschöpfung bringen.
Mobilität neu organisiert
Ist ein Arbeitsweg notwendig, bleibt auf dem Land meist als einzige Option das Auto. Neue Möglichkeiten bietet die sogenannte «kombinierte Mobilität», bei welcher der motorisierte Individualverkehr mit Angeboten des öffentlichen Verkehrs sowie mit Carsharing oder Carpooling kombiniert wird. Für ein dichteres ÖV-Netz etwa, so ein Fazit, sind nicht unbedingt mehr Fahrzeuge nötig, sondern eine bessere Koordination der Nutzenden – natürlich über eine digitale Struktur. Interessant werden solche Ideen zudem im Hinblick auf Mobility Pricing, wenn die Mobilität je nach Verkehrsmittel und Strecke unterschiedlich teuer wird – mit dem Ziel, die Überlastung der Zentren zu vermeiden und Verkehrsspitzen zu brechen.
Was gehört zum Service public?
Eine gewisse Grundversorgung soll für alle Bevölkerungsschichten und Regionen gleichwertig zur Verfügung stehen. Doch was gehört alles dazu? Auch das Digitale kommt ohne eine «richtige» Infrastruktur nicht weit. Für einen stabilen Internetempfang müssen «Datenautobahnen» fortlaufend ausgebaut werden. Gerade auf dem Land sind die Pro-Kopf-Kosten höher und Bauprojekte aufwendiger. Wichtig sei, so die Bilanz des Workshops, dass neuartige digitale Prozesse aus Ballungszentren nicht eins zu eins für den ländlichen Raum übernommen werden können. Auf dem Land sind meist andere Bedürfnisse da als in Zentren.
Tourismus digital erleichtert
Online geworben, gebucht und bezahlt wird schon länger. Soziale Medien und Bewertungsplattformen inspirieren und informieren. Leihvelos können per App entsperrt werden, Parkplätze per Kreditkarte bezahlt. Es geht nicht mehr allein ums Präsentieren von Informationen, sondern auch um digitale Dienstleistungen. Touristische Angebote können sich so anders oder besser positionieren. Herausforderungen sind insbesondere der Umgang mit den grossen Datenmengen sowie die dazu nötige Infrastruktur.
Als Fazit der Veranstaltung kristallisierten sich sechs Chancen heraus, die die Digitalisierung dem ländlichen Raum bietet: Vernetzung, lokale Verankerung, Nähe, Dynamik, räumliche Unabhängigkeit und neue Wege.
Auch in der weitläufigen Region Gantrisch können digitale Möglichkeiten Chancen bieten. Sei dies durch Fern-WLAN, das abgelegenen Haushalten oder Betrieben einen stabilen Internetanschluss ermöglicht, durch Coworking Arbeitsplätze wie im Generationehuus Schwarzenburg oder geplante «Autostop-Haltestellen».
Ein Beispiel der Digitalisierung in der Landwirtschaft
In seinem Positionspapier nennt der Schweizerische Bauernverband sowohl Chancen wie auch Gefahren der Digitalisierung. Durch die immer stärkere Vernetzung von digitalen Systemen – Sensoren, Automaten, GPS – fällt eine riesige Datenmenge an; die Büroarbeit ist so nicht automatisch reduziert. Dazu kommen Fragen des Datenschutzes und der Datenhoheit. Dafür steht dem Betrieb eine Fülle an Informationen und Möglichkeiten zur Verfügung. Ressourcen können effizienter und gezielter eingesetzt werden. «Seit wir GPS-geführt pflanzen, haben wir eine bessere Feldausnutzung», erzählt Lukas Rohrer, Co-Betriebsleiter vom Hof Rohrer Gemüse in Belp. Die Felder des mittelgrossen Gemüsebaubetriebs sind digital erfasst, in den Folientunnels messen Sensoren die Feuchtigkeit und lösen, wenn nötig, die Bewässerung aus. Die Spargelsortieranlage ist mit 3D-Kameras ausgerüstet und sortiert so die Spargeln nach 18 verschiedenen Kriterien.
Die Verlockung ist gross, auch in den Strandferien alle digitalen Hilfsmittel des Betriebs auf dem Handy stets zu verfolgen. Im Arbeitsalltag spart man sich dafür einige Gänge aufs Feld. Lukas Rohrer kennt die Vor- und Nachteile: Wer sich ausschliesslich auf Sensoren verlässt, übersieht vielleicht etwas, was von ihnen nicht erfasst wird. Fehlt das GPS-Signal, tut die Setzmaschine mitten im Feld keinen Wank mehr.
Ihre Produkte liefern Rohrers hauptsächlich an Grosshändler – Mengenmeldungen erfolgen immer mehr über digitale Plattformen, somit reduziert sich der persönliche Kontakt zu den Einkäufern stark. Bestellungen werden nur anhand von Daten getätigt. «Der Austausch zwischen Produzenten und Händler geht immer mehr verloren», so der Landwirt.
Der Familienbetrieb führt drei Selbstbedienungs-Hofläden. Dank digitaler Infrastruktur können lange Öffnungszeiten ohne grossen Personalaufwand angeboten werden. In allen Läden sind Kameras montiert – übers Handy kann also nachgeschaut werden, ob es noch Fenchel hat oder ob die Auberginen wieder aufgefüllt werden müssen.
Rohrer sieht die Entwicklung pragmatisch: «Wo man digitale Hilfsmittel einsetzen kann und wo es für uns Sinn macht, versuchen wir es. Manchmal erleichtert es die Arbeit, zum Teil führt es zu mehr Aufwand. Aber die Digitalisierung ist die Zukunft.»
Salome Guida