Ein Walser-Seelenfenster auch in Oberbalm?

Ein Walser-Seelenfenster auch in Oberbalm?

Als früherer Pfarrer in Oberbalm wurde ich mehrmals gebeten, Sterbenden bei ihrer letzten Agonie beizustehen. Einmal rief mich eine Person in ein altes Haus, um diesen letzten Dienst zu erweisen.

Die Anwesenden wollten lieber in der Küche weilen und warten. Allein war ich dann im Zimmer mit dem Sterbenden und betete auch das ‚Unser Vater‘ und legte sein Leben in Gottes Hand zurück. Als er ausgehaucht hatte und ich ihm die gebrochenen Augen und den offenen Mund geschlossen hatte, rief ich die in der Küche Weilenden und bat sie hineinzukommen. Die Hausbesitzerin kam und ging gleich zum sehr alten Fenster des Zimmers und öffnete dort ein ganz kleines Fensterchen und sagte: «Jetzt öffne ich das ‚Seelenfenster‘, damit sie austreten kann». Dann erst kam sie ans Bett des Verstorbenen. Eine alte Walser-Tradition? Die Walser hatten an ihren Häusern nämlich ein sogenanntes «Seelenfensterchen» (Seelenbalggen) in der Stuben- oder Seitenkammerwand gebaut, das beim Sterben geöffnet wurde, «damit seine Seele den Weg in die Ewigkeit fände» (Paul Zinsli, Walser Volkstum, 1969, S. 109). 

Wer waren denn diese Walser?

«Das Wort Walser bedeutet Walliser und bezeichnet jene deutschsprachigen bergbäuerlichen Siedler samt ihrer Nachkommenschaft, die im ausgehenden Hochmittelalter das Oberwallis verliessen, und im damals zu einem grossen Teil noch romanischsprachigen Alpenraum angesiedelt wurden. (…) Sie sind auf einer Länge von rund 300 km im Alpenbogen verstreut zu finden. Die Ansiedlung von Walsern ist Ausdruck der hohen Mobilität im Alpenraum zwischen dem 13. und dem 15. Jahrhundert» (aus: Historisches Lexikon der Schweiz, Walser). Also vom Oberwallis ausgehend besiedelten die Walser Alpengebiete im Bündnerland, im Piemont und Aostatal (I), im Lichtenstein, im Voralberg (A), in Savoyen, sowie im Berner Oberland und pflegten einen alemanischen Dialekt. Vielen Leserinnen und Lesern dürfte das Tessiner Dorf Bosco Gurin bekannt sein, das anno 1253 von Walsern auf 1504 m.ü.M. besiedelt wurde. Sie ist die einzige Tessiner Gemeinde, wo Deutsch gesprochen wird mit der traditionellen Walser-Bauweise der Wohnhäuser, Stadel, Gaden und Ställe. 

Walser-Siedlung Oberbalm

Paul Zinsli hat bei seinen Forschungen entdeckt, dass Oberbalm die nördlichste Walser-Siedlung war. Tatsächlich, im Oberbalmer Jahrzeiten-Buch von 1423 und 1482 ist von Walsern die Rede. Weiter wissen wir, dass der Heilige Theodul als Schutzpatron der Walser verehrt wurde und in der damaligen katholischen Kirche zu Oberbalm gab es gemäss dem Jz.Buch von 1423 einen Theodulaltar (E. Welti, Die Jahrzeitenbücher von Oberbalm, 1908). Anlässlich der Berner Reformation von 1528 wurde der Theodul-Altar entfernt.

Walser haben also mit ihrem Schutzpatron St. Theodul in Oberbalm Fuss gefasst und Spuren in den Jz.Büchern von 1423 und 1482 hinterlassen.

Ob allerdings das «Seelenfenster» im oben erwähnten alten Bauernhaus in Oberbalm noch auf eine alte Walser-Tradition zurückgeht, wird wohl unbeantwortet bleiben müssen.

Ulrich J. Gerber, Dr.theol.

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