Am ersten Tag war ihnen der heilige Hubertus freilich nicht wohlgesonnen und sie stellten kein behuftes Bein, geschweige denn einen gehörnten Kopf. Doch so rasch gaben die beiden Wilderer nicht klein bei. Sie beschlossen, in der leeren Alphütte beim Wirtner zu nächtigen und am Folgetag gegen die Krummfadenfluh hinauf noch einmal ihr Glück zu versuchen. Da die Sennen um diese Zeit nicht in dieser Gegend sömmerten, war die Luft rein.
Als Schlosser und Bödner mit geschulterten Waffen zu dem urigen Blockbau traten, wich soeben ein schwülheisser Tag der einbrechenden Nacht, und oben in den Flühen verdämmerte das letzte Licht. Da erklang vom Saum des nahen Waldes ein unheimlicher Ruf, der keinem bekannten Tier, aber auch keinem Menschen zuzuordnen war.
«Hast du das gehört?», muckste der Jüngere irritiert und warf einen besorgten Blick auf seinen Hund, der entgegen seiner Gewohnheit nicht anschlug, sondern stattdessen den Schwanz einzog und ein klägliches Winseln ausstiess. «Ist das etwa ein Nachtvogel?»
Schlosser, der oft in diesen Bergflanken herumstieg, hatte auf einmal ein blasses Gesicht. Betreten schüttelte er seinen graubärtigen Kopf. Hinter seiner Stirn schien es fieberhaft zu arbeiten. Sakerdonner!», entfuhr es ihm schliesslich. «Das ist kein Nachtvogel. Komm, Bub, nichts wie weg hier, sofort rein in die Hütte!» Ohne sich länger aufzuhalten, hielt er in langen Schritten der Hirtenbehausung zu und warf mehrfach verunsicherte Blicke über die Schulter zurück. «Nun mach schon!», rief er seinem Kameraden drängend zu, als dieser immer noch verwundert gegen den bewaldeten Hang hinaufhorchte. «Nimm deine verfluchten Beine in die Hand, wenn dir dein Leben lieb ist.»
Endlich sprang auch Bödner zum Hütteneingang, und im Schwick nahmen sie die Läden heraus und verschafften sich Zugang. Kaum waren sie in das düstere Feuerhaus geschlüpft, wo ihnen eine stickige Luft entgegenschlug, warf der Ältere die Tür ins Schloss und riegelte ab. Gib dein Messer her!», forderte er seinen verwirrten Gefährten auf. «Zum Gugger, schau mich nicht so blöd an, Latschari, das ist nicht zum Spassen!»
Zaghaft rückte der Angesprochene sein Weidmesser heraus. «Der Hund!», fiel es ihm plötzlich ein. Tatsächlich war von draussen ein aufgeregtes Kläffen und Scharren zu vernehmen. Das ausgesperrte Tier kratzte mit der Pfote wie wild am Türholz.
«Wir haben ihn draussen gelassen», rief Bödner bestürzt und wollte sich am Riegel zu schaffen machen. «Mach die Tür noch einmal auf. Ich muss ihn reinholen.» «Bist du von allen guten Geistern verlassen!», herrschte ihn Schlosser an und drängte ihn mit aller Kraft von der Tür weg. «Dein Messer jetzt! Los, her damit! Sonst leben wir keine Länge mehr!»
Wie um seine Worte zu bekräftigen, riss er seine eigene Klinge hoch und rammte sie schräg in den Türsturz. Der Hund begann derweil immer heftiger zu bellen. Ein seltsames Rauschen strich auf einmal über das Hüttendach und rüttelte an den vermachten Fensterläden. «Das ist der Allerdonnersküher», schnappte der Alte und entwand dem verstörten Jagdgefährten dessen Messer, um es übers Kreuz zu der bereits steckenden Klinge in den Türbalken zu stossen.
«Was soll das werden?», begehrte Bödner auf. «Lass mich endlich den Hund in Sicherheit bringen…» «Zu spät!», beschied ihn der andere. «Wenn wir jetzt noch einmal aufmachen, sind wir verloren!» Der Graubart nestelte eine trockene Wurzel, die an einen Riemen geknotet war, aus seinem Hemdkragen und wand sie um die beiden eingebohrten Messer.
«Gottherrje, was ist das für ein Getue?», ereiferte sich der Junge, während sich die Stimme seines treuen vierbeinigen Kameraden vor der Hütte zunehmend überschlug. «Bist du zu lange in der Spinnstube gesessen und hast den alten Weibern ihr Geschwätz abgelauscht?» «Still jetzt!» Schlosser trat vom Eingang weg und kauerte sich neben die Feuergrube.
Die Hütte erbebte derweil wie unter Sturmböen. Draussen klatschte etwas mit Gewalt gegen die Bretterwand, als würde jemand einen nassen Sack dagegen schlagen. Ein unheimliches Getöse brach über die beiden Männer herein. Während der eine schweigend in die kalte Asche stierte, ballte der andere ohnmächtig die Fäuste und fluchte leise vor sich hin. Der Hund war mittlerweile verstummt. Schlosser murmelte leise ein Gebet. Bald gesellte sich auch Bödner zu ihm, denn das Ächzen und Stöhnen im Gebälk, das wütende Heulen im Rauchfang und die unerklärlichen Geräusche rund um die Hütte, die an die Schritte eines riesigen Tieres gemahnten, bereiteten ihm nun offenbar auch Sorgen.
«Das ist doch kein gewöhnliches Wetter…», murmelte er kleinlaut. «Ich habe es dir doch gesagt», erwiderte der Graubärtige unwirsch. «Es ist der Allerdonnersküher. Schweig jetzt! Und bete!»
Irgendwann verebbte das Tosen und Krachen. Bödner wollte aufspringen und nach seinem Hund sehen. Doch Schlosser packte ihn am Arm und fixierte ihn mit eindringlichen Blicken. Wortlos schüttelte er den Kopf. Das sagte genug. Der junge Mann gab sich geschlagen und stieg unter das Dach, um sich im Heu zu verkriechen.
Er schlief noch nicht, als sich sein älterer Kumpan später an seine Seite legte. Draussen hatte sich eine Totenstille ausgebreitet. Der Spuk war verflogen, doch in den Köpfen der beiden schlaflosen Männer geisterte es unentwegt weiter.
Als das erste Dämmerlicht des neuen Tages durch die Ritzen zwischen den grob behauenen Flecken sickerte, rappelte sich Schlosser stöhnend auf. «Gottlob», brummte er. «Es ist ausgestanden. Komm, Bub, wir wollen uns auf den Weg machen.»
Sie stiegen hinunter. Der Alte zog die beiden Messer aus dem verwitterten Holz und reckte Bödner das Seine. Die kuriose Wurzel schoppte er sich wieder unter das Wams. «Was ist das für ein Gewächs?», wollte der Junge wissen.
«Neunhemmleren», gab der andere Bescheid. «Es schützt gegen die bösen Geister im Gebirge. Von wegen Spinnstubengeschwätz. Du wirst gleich sehen.»
Als sie vorsichtig die Tür öffneten, lag draussen ein Fiser Schnee über den Matten. Im Osten kroch die frühe Sonne über die Bergstöcke und läutete den neuen Tag ein.
Von Bödners Hund war weit und breit keine Spur mehr zu sehen. Der junge Mann rief aufgeregt seinen Namen und stampfte suchend einmal um die Hütte herum.
«Er ist weg!», stellte er zähneknirschend fest. «Er ist mit dem Allerdonnersküher gegangen», kommentierte der Ältere knapp. «Vermutlich hat er uns das Leben gerettet.»
«Der Allerdonnersküher…» Bödner war immer noch nicht bereit, die Tatsachen hinzunehmen. «Wer zum Teufel soll das sein?» Schlosser schüttelte lediglich den Kopf und sagte kein Wort mehr. Dann schlug er den Weg ins Tal ein.
Frei nacherzählt nach Peter Keckeis