Für eine Nacht Büro und Computer sowie Blockwohnung und Familienalltag hinter sich lassen und die Eindrücke im Wald bewusst wahrnehmen – ausgehend von dieser Idee stellte sich die Planung rasch komplexer als gedacht heraus. Dort, wo «Wildnis» am ehesten erlebt werden könnte, galten noch die Wildruhezonen. Alternative Wälder gibt es viele, aber sie sollten gut erreichbar und dennoch nicht «überlaufen» sein. Ein Rekognoszieren lag aus Zeitgründen nicht drin, doch einige Tipps von Waldkennern später und nach einem Anruf beim Revierförster konnte das Unterfangen starten. Begleitet von Kollegin Sara Brönnimann mache ich mich Ende Mai auf den Weg an den Fuss des Gurnigels.
Steil hinauf
Bereits wenige Schritte nach dem Parkplatz hat uns der Wald freundlich empfangen. Eine Armada aus komisch aussehenden, über dem Weg schwebenden Insekten steht Spalier. Rechts plätschert ein Bach, links erwärmt die Abendsonne das Gehölz, und auf beiden Seiten geht es steil hinauf. Bald einmal lassen wir die ausgedruckte Karte in der Tasche und entscheiden spontan, den Weg zu verlassen und unsere Wadenmuskeln herauszufordern. Diese lassen uns – wir sind bepackt mit literweise Wasser, Solarlampe und mehr – einige stotzige Höhenmeter später ihre Grenzen spüren. So schauen wir uns früher als geplant nach einem möglichst ebenen Plätzchen um, zumal die Sonne bereits tief steht. Saras Pfadfinder- und meine Jungschar-Vergangenheit geben uns Selbstvertrauen genug, uns rasch für einen wenige m² kleinen Platz zu entscheiden. Blache, Schlafunterlage, Mücken- und Zeckenspray: Wir sind bereit.
Weit verbunden
Bald nachtet es ein. Da wildes Feuermachen erstens verboten ist und da zweitens eine Menge trockener Äste und Laub herumliegt, verzichten wir auf wärmende Flammen. Bald schlüpfen wir in unsere Schlafsäcke und lauschen einem Käuzchen, das irgendwo weit weg sein typisches «uuh! Uh-uh-uh-huuuuuu!» erschallen lässt. Die Natur hat uns ganz umfangen. Doch da zerreisst etwas abrupt die Idylle. Ein Motorrad rast hochtourig dem Gurnigel entgegen. Noch lange hört man das Heulen des Motors. Immerhin erkennen wir zwischen den Baumkronen hindurch erste Sterne. Doch was bewegt sich dazwischen? Ein Linienflugzeug rauscht gut hörbar einer fernen Destination entgegen. Bald folgen ein zweites, ein drittes und ein viertes, zwischendurch ertönt ein Töff oder ein Auto. Ansonsten ist die Ruhe fast greifbar, eine Wohltat für meine beinahe ständig dem Strassenlärm ausgesetzten Ohren. Die Natur: Hier zeigt sie ihre mächtige Präsenz in stolzer Zurückhaltung. Die Bäume stehen seit Jahrzehnten da, trotzen mit ihren Wipfeln dem Wind. Ihre Wurzeln halten den weichen Boden mit einem dichten Netz zusammen, ihr Harz umschmeichelt unsere Geruchsorgane. Die Vögel sind schon längst verstummt, dafür bimmeln Kuhglocken umso lauter – doch noch Spuren der Zivilisation in unserem wilden Revier. Ich fühle mich plötzlich als Teil der Welt, in Verbindung mit jedem Knacken, jedem Rascheln, aber auch mit der A330 weit oben und dem Kauz am gegenüberliegenden Hang. Zuhause hätte ich um diese Zeit die Fenster geschlossen, um die Autos nicht zu hören. Meine Welt wäre ein Schlafzimmer, eine Küche, ein «Mama!» aus dem Kinderzimmer. Nun ist sie weit offen, reicht bis zu den Sternen im Universum, die ich noch kurz bewundere, bevor ich meine Brille weglege. Sara notiert vor dem Einschlafen: «Wie klein sich doch Menschsein anfühlt, wenn man sich in fremdes Terrain begibt. Ich fühle mich verbunden mit dem Wald. Von wie vielen Tieren werden wir wohl beobachtet, ohne es zu bemerken?»
Kauz ja, Komfort nein
Rehe, Füchse, Dachse, vielleicht ein Hirsch oder gar ein Luchs – die Erwartungen waren hoch. Nun liegen wir in unseren Schlafsäcken und warten darauf, dass der Wald erwacht, während wir einschlafen. Aber nichts. Nach etwa einer Stunde erwache ich, der Wald ist so still wie zuvor. Oder knackt es dort drüben? Da – ich höre ein Rascheln, ein rasches Trippeln über unsere Blache. Mäuse? Langsam taste ich nach meiner Brille, nach der Taschenlampe, und leuchte ins Laub. Nichts bewegt sich mehr, alles ist ruhig. Von weit weg ruft wieder der Kauz. Ich merke, dass meine Beine über die Isomatte hinausragen. So eben wie gedacht ist unser Lagerplatz wohl doch nicht. Ich schlafe wieder ein. «Uuh! Uh-uh-uh-huuuuuu!» Ich bin hellwach, mein Herz pocht schnell, doch ich halte den Atem an. Der Kauz muss direkt neben uns sein. Noch einmal ruft er, dann bleibt es still. Der Mond leuchtet wie eine Taschenlampe zwischen den Bäumen hindurch. Ich schaue auf meine Uhr: 3 Uhr. Es ist kühler geworden, ich ziehe meine Kappe bis über die Ohren und mummle mich wieder ein. Meine Isomatte ist zu schmal, und wenn ich mich umdrehe, verdreht sich der Schlafsack. Ein Faserpelz ist mein Kissen. Ich merke: Ein Faserpelz ist kein Kissen. Ich versuche, eine angenehme Position zu finden. Nun drückt meine Blase. Wie einfach wäre es jetzt daheim. Denn hier heisst es, aus der wohligen Wärme zu steigen, die Schuhe zu schnüren und über Äste und zwischen jungen Tannen hindurch zum improvisierten WC zu laufen. Umso schöner ist der Wiedereinstieg in eine nächste Stunde Schlaf.
Zwitschern, Summen, Gurren
Um kurz vor 5 Uhr hat jemand einen Schalter umgelegt. Ich wache inmitten eines so noch nie gehörten Vogelkonzerts auf. Am Vorabend gab es auch ein Zwitschern und Singen, ja. Aber das hier ist ein anderes Niveau. Manche pfeifen wie sägend, hin und her. Andere präsentieren eine ausgeklügelte Melodie, während auch simples und kurzes Trällern zu hören ist. Kein Vergleich zu den Amseln und Spatzen in Nachbars Garten. Tief erfüllt schlafe ich noch einmal ein. Da höre ich ein Summen und Brummen. Ich schaue hinauf: Da, im Storenkasten über mir, bauen Bienen oder Hornissen ein Nest. Genau sehe ich es nicht. Ich drehe an der Kurbel und der ganze Kasten verschiebt sich um einige Meter. Dann erwache ich. Natürlich ist da kein Storenkasten, auch keine Kurbel. Das Summen und Brummen aber tönt unaufhörlich und scheint recht nah zu sein. Eine einzelne Biene schwirrt direkt zwischen Sara und mir über dem Boden, steigt dann auf über ihren Kopf, schwebt etwa 2 cm über ihrem Ohr. Sie wacht auf. Es ist Viertel vor Sieben, wie wir leicht erschrocken feststellen. Wir hatten erwartet, früh von der Helligkeit geweckt zu werden und früh im Büro zu sein. Nun wird es fast hektisch. Einmal die geschundenen Glieder strecken und dann zusammenpacken. Die Vogelwelt hat sich ebenfalls zurückgezogen, nur eine einsame Taube gurrt in der Nähe. Unten auf dem Weg angekommen, rekapitulieren wir unsere Eindrücke. «Es war eine wohltuende kurze Auszeit vom stressigen Alltag», sagt meine Kollegin, «ich konnte mich komplett auf mich und die Umgebung konzentrieren, war im Hier und Jetzt. Und ich lernte, dass man nicht bei jedem Knacken und Rascheln etwas befürchten muss.»
Uns sind weder Hirsch, Dachs noch Luchs begegnet. Unser Lagerplatz war nicht idyllisch, mit Moos ausgelegt und von Farn umgeben. Es fehlte die Zeit, um tiefer hineinzugehen, weiter weg von Spuren der Zivilisation wie Forstwegen oder Holzschlag. Wir sind sogar zwei Spaziergängern mit Hund begegnet – «Wildnis» ist wohl ein zu grosser Begriff für das, was wir erlebt haben. Und doch haben Dinge wie die unbequeme Isomatte, die frische Luft oder die Mäuse uns Tastatur und Haushalt kurz vergessen lassen. Man führe sich einmal vor Augen: Dutzende Vögel sangen kurz vor 5 in der Früh in diesem Waldstück. An jedem anderen Tag wäre kein Mensch dort gewesen, wir hätten in unseren Zimmern geschlafen. Doch dank dieser Nacht lagen wir mitten in ihrem Konzert.
Unvergessliche Nächte
Es sah perfekt aus. Zwischen günstigen Übernachtungen in Hostels und Bed and Breakfasts wollten eine Freundin und ich uns auf unserer Backpackerreise in der Dominikanischen Republik eine für uns teure, dafür aber besonders schöne Unterkunft gönnen. Zweistöckige private Holzhäuser mit Dächern aus getrockneten Palmenblättern, unten eine Hängematte zum Verweilen, oben eine offene Front mit einem Bett, das von einem grossen Mückennetz umspannt war. Gäste waren wir zu diesem Zeitpunkt die einzigen.
Wir begeisterten uns ab dieser Ruhe und der Schönheit dieses Ortes. Zu hören war nur der Wind, der durch die weiten Bananenplantagen und die unzähligen tropischen Blumen und Pflanzen um uns herum zog. Wir warfen unser Gepäck hin, kontrollierten, ob das Mückennetz gut unter die Matratze geklemmt war, und stellten wie immer sicher, dass sich unter dem Kissenbezug kein Skorpion befand. Wie gemütlich es wohl werden würde: eingekuschelt, aber dennoch an der frischen Luft, mit der warmen Lichterkette, die sich hinten an der Wand spannte. Da fiel uns plötzlich auf, dass das Mückennetz bereits einige Löcher hatte. Kein Problem. Solche Herausforderungen waren wir uns inzwischen gewohnt; Pflaster drauf und fertig.
Schon bald begann es zu dämmern, bis der Tag schliesslich in die Nacht überging. In diesen Breitengraden geschieht das ungefähr um 18 Uhr. Und plötzlich erwachte eine neue Welt. Es raschelte, quakte und zirpte von allen Seiten. Der Regenwald schien zum Leben zu erwachen. Hier eine Riesenspinne an der Wand, dort eine Echse, da ein Frosch. Vor dem Schlafengehen wartete die erste Challenge auf uns: Duschen im Gemeinschaftsbereich unter freiem Himmel, umgeben von Dunkelheit und unzähligen nahen und fernen Geräuschen. «Schön unheimlich», meinte meine Freundin neben mir, während wir so schnell wie nur möglich fertig werden wollten. Auf dem unbeleuchteten Rückweg, die Flip-Flops an den Füssen, wäre ich beinahe auf eine Vogelspinne getreten, die sich mitten auf dem Weg auszuruhen schien. Mein Herz rutschte mir kurz in die Hose. Wenn wir da gewusst hätten, dass das erst der Anfang einer sehr langen Nacht war…
In unserem Häuschen angekommen, krochen wir so schnell wie möglich unter das zuvor geflickte Mückennetz. Jedoch nicht schnell genug. Bereits hatten sich einige kleinere Spinnen den Weg hinein freigelegt. Nachdem wir sie endlich wieder nach draussen befördert hatten, konnte ich es nicht lassen, immer wieder zu kontrollieren, ob wir wirklich kein Loch übersehen hatten. Draussen um unser Bett herum raschelte und lebte es. Geckos hüpften wild von einer Seite zur anderen und landeten manchmal auf unserem Netz, bevor sie abfederten. Fledermäuse flogen ums Netz. Und überall waren durch das durchsichtige, nicht ganz dichte Netz kleinere und grössere Spinnen zu erkennen. An Schlaf war nicht zu denken. An klare Gedanken auch nicht. Ich hoffte nur, dass der Morgen schnell kommen würde.
Erleichtert versuchten wir, die Ruhe des nächsten Tags zu geniessen – immer im Hinterkopf, dass uns noch eine weitere unvergessliche Nacht bevorstand.
Nadia Berger