Im Februar dieses Jahres sah man sie wieder im Fernsehen, wie sie sich wagemutig aus vollem Sprint in einen Bob stürzten und dann unter angehaltenem Atem der Zuschauenden einen kurvenreichen Eiskanal hinunterbrausten. Denn ausserhalb der Olympischen Winterspiele sind sie im Gegensatz zu den Skifahrenden weniger in der Öffentlichkeit präsent: die Bobfahrerinnen und Bobfahrer.
Bevor es ernst gilt
Einer von ihnen ist Pascal Moser. Seit zehn Jahren widmet sich der ehemalige Fussballer dem «Randspitzensport» Bob und gehört mittlerweile zu den stärksten und schnellsten Anschiebern der Schweiz, unter anderem mit zwei Gesamtsiegen im Europacup und mehreren Top-6-Klassierungen im Weltcup in seinem Palmarès. Nachdem Moser die Olympischen Winterspiele 2022 in Peking verletzt verpasst hatte, wurde Ende letzten Jahres mit der Nominierung für die Winterspiele in Milano Cortina ein Traum wahr. Von dort aus erzählte er, nur wenige Tage vor seinen vier Läufen im Viererbob, vom Alltag im olympischen Dorf. «Wir absolvieren Bahntrainings und haben daneben einige Termine. Es ist wichtig, den Körper nicht unnötig zu belasten, bevor es ernst gilt», erklärt er. Mental stelle er sich möglichst so ein, dass die Nervosität sich gar nicht erst ausbreiten kann. Dies gelinge ihm dank jahrelangem Mentaltraining immer besser.
Von Schweiz 1 zu Schweiz 3
Am 22. und 23. Februar absolvierte Moser als erster Anschieber von Pilot Timo Rohner je zwei Läufe. Die «Rohner Bulls» waren Team Schweiz 3, somit lastete auf ihnen im Vergleich zu Schweiz 1 und Schweiz 2 weniger Erwartungsdruck. Moser, der auch schon im Team Schweiz 1 gefahren ist, war vergangenes Jahr bei Michael Vogt – eben jenem Piloten von Schweiz 1, der schliesslich an den Olympischen Spielen die Bronzemedaille holte. Für die Grossanlässe teilt der Verband jedoch den Piloten ihre Anschieber jeweils neu zu. Je nachdem, wie sie im Test abschneiden, landen diese beim einen oder anderen Piloten. Moser wurde Ende Dezember Rohners Team zugewiesen – drei Hundertstel nur fehlten ihm dank starker Leistung auf die Anschieber, die es ins Team Schweiz 1 schafften.
Minimalziel erreicht, Traum erfüllt
«Während und nach den Läufen war ich enttäuscht», gibt der Heimgekehrte zu. Sein Viererteam fuhr auf Rang 15 – das Minimalziel von Schweiz 3. Wäre er in Vogts Team gewesen, hätte Pascal Moser nun vielleicht eine olympische Medaille heimgebracht. Doch der 29-Jährige ist professionell genug, um seine Gefühle und Gedanken einordnen zu können und nicht bei «hätte» und «wäre» stehenzubleiben. «Als Spitzensportler orientiert man sich immer nach oben», erklärt er, «man sieht deshalb manchmal im ersten Moment eher das verpasste Gold als das gewonnene Silber.» Nun, nach anderthalb Wochen Abstand, sei es ihm gelungen, die Enttäuschung in Freude und Stolz umzuwandeln – darüber, es nach zehn Jahren bis an die Olympischen Spiele geschafft zu haben, aber auch über den Weg der letzten zehn Jahre. Denn: «Im Grossen und Ganzen geht es um den Prozess. Ich durfte so viele ‹Learnings› mitnehmen.» Eine Schweizer Spitzensportlerin habe ihm nach den Winterspielen 2022 erzählt, dass sie in ein Loch gefallen sei, weil ihre Erfahrung nicht so gewesen sei, wie sie es sich immer ausgemalt hatte. Das nahm sich Moser zu Herzen. Er reiste voller Freude nach Cortina – aber bewusst mit den Füssen am Boden. Das zahlt sich nun aus. «Die Olympischen Spiele sind wie das Dessert auf meine zehn Jahre als Bobfahrer. Doch am Schluss ist es auch einfach nur ein Rennen», ordnet der Rüeggisberger ein.
Der Athlet lebt heute in Kiesen. Die eng getaktete Saison ist vorbei, der Traum von der Teilnahme an den Olympischen Winterspielen hat sich, trotz aller Enttäuschung, erfüllt. Pascal Moser geniesst nun endlich seine wohlverdienten Ferien. Ob und wie es mit dem Bobsport weitergeht, wird er nach dem weiteren Verarbeitungsprozess entscheiden. Und wenn es so weit ist, wird er nochmal Anlauf nehmen – für den nächsten Traum. Im Eiskanal oder in weniger adrenalingeladenen Wegen.